Tabuthema Gehalt: Wissen Sie, was Kollege Meyer verdient?

Von Alenka Mladina 18. Oktober 2017

Finanzielle Sicherheit und das gute Gefühl, für seine Leistung am Arbeitsplatz geschätzt zu werden: Jeder hat ein Gehalt verdient, das den eigenen Qualifikationen und dem marktüblichen Verdienst entspricht. Doch wie finden Sie heraus, wie viel Sie für Ihre Leistung verlangen dürfen? Um sich selbst besser einzuschätzen, wäre es nützlich, einfach die Kollegen zu befragen. Doch wie spricht man das sensible Thema an?

Tabuthema Gehalt: Warum sprechen wir mit unseren Kollegen nicht über die Bezahlung?

Feierabend-Bier mit den Kollegen – in gelockerter Atmosphäre fasst sich Maria ein Herz und fragt vorsichtig in die Runde: „Und, wieviel Geld verdient ihr?“ Die Antwort: betretenes Schweigen. Warum fällt es eigentlich vielen Mitarbeitern so schwer, mit ihren Kollegen über das Gehalt zu sprechen?

Dafür gibt es gleich mehrere Gründe:

  1. Vergleichsfalle: Eine Studie der amerikanischen Universitäten Princeton und Berkeley hat ergeben, dass die Jobzufriedenheit von Mitarbeitern deutlich sinkt, wenn Sie herausfinden, dass Sie weniger als Ihre Kollegen verdienen. Der Grund: Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Denn mit dem Thema Geld geht immer auch eine persönliche Wertung und Hierarchie einher. Und verdient ein Kollege mehr als die anderen, könnte schlechte Stimmung im Team entstehen – dieser Gedanke verunsichert viele Mitarbeiter.
  2. Firmenpolitische Fettnäpfchen: In vielen Unternehmen gehört es zur Firmenpolitik, nicht über Gehalt zu sprechen – weder in vertrauter noch in großer Runde. Kommt es ans Licht, dass Sie sich nicht daran halten, stehen Sie schnell als unprofessionell und nicht vertrauenswürdig da. Und dieses Risiko möchten viele Mitarbeiter einfach nicht eingehen.
  3. Rechtliche Fallstricke: Darf ich überhaupt über mein Gehalt mit den Kollegen sprechen? Diese Frage stellen sich viele Mitarbeiter. Schließlich waren Vertraulichkeits- oder Verschwiegenheitsklauseln im Arbeitsvertrag lange Zeit weit verbreitet. An diesem Punkt können wir Sie aber beruhigen. Arbeitsgerichte haben entschieden, dass solche Verbote im Arbeitsvertrag Persönlichkeitsrechte verletzen – zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ihr Chef kann Ihnen also nicht verbieten, sich mit den Kollegen über das Thema Gehalt auszutauschen. Für Mitarbeiter in Führungspositionen gelten oft andere Vorgaben. Zum Beispiel, wenn Konkurrenten dadurch einen Wettbewerbsvorteil erhalten. Dann dürfen sie nicht über ihr Gehalt sprechen.

Mit Kollegen über Gehalt sprechen: Halten Sie sich an die Regeln

Zusammenfassend halten wir fest: Ja, es ist Ihr Recht, zu wissen, was andere verdienen. Es ist und bleibt aber ein heikles Thema. Wie Sie sich verhalten, wenn Sie ein Kollege nach Ihrem Verdienst fragt – ist und bleibt Ihre persönliche Entscheidung.

Sprechen Sie nur mit Kollegen, denen Sie absolut vertrauen. Gehalt ist und bleibt ein sensibles Thema, mit dem Sie respektvoll umgehen sollten. Gehen Sie in Bezug auf Ihr Einkommen besser kein Risiko ein.

Ziehen Sie Ihr Wissen aus fundierten Studien über den Arbeitsmarkt – zum Beispiel aus der Gehaltsübersicht von Robert Half. Darin finden Sie aktuelle Daten, Fakten und interessante Hintergründe zu üblichen Gehältern im Finanz- und Rechnungswesen, in der IT und im Assistenz- und kaufmännischen Bereich. So finden Sie schnell heraus, wie viel Angestellte in einer ähnlichen Position und mit ähnlichen Qualifikationen verdienen – ohne in firmenpolitische Fettnäpfchen zu treten.

Download Gehaltsübersicht

Gehalt der Kollegen: Motivationsschub statt Motivationskiller

Eine gute Recherche macht sich in jedem Fall bezahlt. Zu wissen, was Andere in gleicher Position verdienen, macht Ihre Gehaltsforderung realistisch und verschafft Ihnen für zukünftige Gehaltsverhandlungen einen enormen Vorteil. Dann können Sie pokern.

Schließlich ist ein besserverdienender Kollege der beste Beweis dafür, dass Ihre Firma durchaus höhere Verdienste bezahlt. Gegenüber Ihrem Chef sollten Sie dieses Argument allerdings nicht vorbringen.

Schließlich soll er nicht erfahren, dass Sie sich mit anderen Mitarbeitern über Ihr Gehalt ausgetauscht haben. Das lässt Sie und Ihre Kollegen in einem schlechten Licht dastehen und wirkt wie eine illoyale Absprache.

Tappen Sie also nicht in die Vergleichsfalle. Wie hoch Ihr Gehalt ist, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von

  • Berufserfahrung,
  • Ausbildung und
  • Weiterbildungen.

Gehaltsexperte Thomas Hoffmann empfiehlt: „Sehen Sie Ihren Kollegen mit dem besseren Verdienst nicht als Konkurrenten, sondern als Vorbild. Fragen Sie sich besser, wie Sie nachziehen können. So wird das finanzielle Ungleichgewicht zwischen ihnen zum Motivationsschub.“ Anstatt dem Kollegen also sein Gehalt zu neiden, setzen Sie sich selbst neue Ziele.

Wenn Sie hören, dass Sie im Vergleich zu Ihren Kollegen weniger verdienen, nutzen Sie diese Information. Prüfen Sie kritisch, woran das liegen könnte. Dann müssen Taten folgen: Zeigen Sie, dass Sie sich voll ins Unternehmen einbringen und fokussieren Sie sich auf Ergebnisse. Somit qualifizieren Sie sich bei der nächsten Gehaltsrunde für eine Lohnerhöhung.

Über Gehalt sprechen: andere Länder, andere Denkmuster

Offen mit dem Thema Gehalt umzugehen und dadurch andere anzuspornen – das ist in vielen Ländern ganz normal. Wer zum Beispiel in Amerika hart für seinen Erfolg arbeitet, zeigt das auch. Viele Stellen in den USA werden sogar mit einer genauen Gehaltsangabe ausgeschrieben. Ein kulturelles Erklärungsmodell: Wer es durch eigene Anstrengung nach oben geschafft hat, hat das auch verdient. Ganz nach dem Motto: Vom Tellerwäscher zum Millionär.

Ein Denkmuster, von dem wir in Deutschland weit entfernt sind. Hier gehen wir häufig davon aus, dass Erfolg von äußeren Chancen abhängt und wer viel verdient, der Gesellschaft wieder etwas zurückgeben soll. Deshalb wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis das Thema Gehalt auch in Deutschland kein Tabuthema mehr ist.

Wurden Sie schon mal von Kollegen auf Ihr Gehalt angesprochen? Und wie sind Sie damit umgegangen? Schreiben Sie uns an [email protected].

Bildquelle: rawpixel - unsplash.com

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