Jobsharing: Zukunftsmodell oder nur eine Wunschvorstellung?

Von Alenka Mladina 13. April 2015

Flexibilität ist angesagt in deutschen Betrieben: In Sachen Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeiten ist Deutschland Spitzenreiter in Europa. Wenn es aber um das Thema Jobsharing geht, sind flexible Arbeitgeber hierzulande noch selten. Ein Plädoyer für mehr Jobsharing in Unternehmen.

Kürzlich stellte sich eine sehr interessante Bewerberin bei uns vor, die nach ihrer Elternzeit wieder als Führungskraft in einem Jobsharing-Modell einsteigen möchte. Vor der Babypause war sie als CFO für 15 Mitarbeiter verantwortlich und möchte nun in einer ähnlichen Aufgabe zu reduzierten Arbeitszeiten wieder durchstarten.

Nach einigen Wochen erfolgloser Bewerbungsversuche zieht die kommunikationsstarke Finanzexpertin ihr Resümee: „In Deutschland sind die meisten Unternehmen mit dem Konzept der Arbeitsplatzteilung, also dem Jobsharing, leider nicht vertraut, geschweige denn, dass diese Option angeboten wird. Viele denken, wer nur Teilzeit arbeitet, bringt auch keine volle Leistung. Speziell Führungspositionen werden kaum über Jobsharing vergeben“.  

Diese Erfahrung deckt sich mit den aktuellen Ergebnissen der Arbeitsmarktstudie von Robert Half. Nur 15 % der deutschen Arbeitgeber bieten Jobsharing überhaupt an. Damit hinkt Deutschland der europaweiten Entwicklung hinterher, denn die Studie von Robert Half zeigt: nur 15 % der Unternehmen bieten Jobsharing überhaupt an. Der europäische Durchschnitt liegt bei 25 %.

Hingegen zeigen immer mehr Bewerber Interesse an Jobsharing-Angeboten. Oft sind es sehr gut ausgebildete Frauen wie im Fall oben, die nach der Elternzeit oder nach einer Auszeit für die Pflege von Familienangehörigen wieder in eine Führungsposition einsteigen möchten.

Was ist Jobsharing überhaupt?

Jobsharing bedeutet Arbeitsplatzteilung und ist eine Art der Teilzeitbeschäftigung. Mehrere Arbeitnehmer teilen sich Arbeitszeit und Aufgaben einer bestimmten Anzahl von Stellen. Am beliebtesten ist die Aufteilung eines Arbeitsplatzes auf zwei Arbeitnehmer. Generell existieren drei Arten von Jobsharing, deren Arbeitszeitmodell flexibel gestaltet werden kann:

  1. Das häufigste Jobsharing-Modell ist das sogenannte Job-Splitting. Hierbei haben alle Jobsharer die gleichen Aufgaben und teilen lediglich die Arbeitszeit untereinander auf. Jeder hat einen eigenen Arbeitsvertrag, unabhängig vom Partner.
  2. Bei der zweiten Variante, dem Job-Pairing, sind die Partner enger verbunden. Sie müssen sich hinsichtlich der Aufgaben abstimmen und tragen gemeinsam die Verantwortung. Sie schließen den Arbeitsvertrag zusammen und können ihn auch nur zusammen kündigen.
  3. Unter der bislang seltensten Variante, dem Top-Sharing, versteht sich die Teilung einer Führungsposition. Generell sind diese Modelle nur Richtwerte. Die Aufteilung von Arbeitszeit und Kompetenzen können Arbeitgeber und Jobsharer grundsätzlich flexibel gestalten.

Jobsharing: Gründe und Vorteile für Arbeitnehmer

Die Gründe für Jobsharing sind im Grunde dieselben wie für andere Teilzeitmodelle: Ein Arbeitnehmer wünscht sich mehr Zeit, beispielsweise damit er sich um seine Kinder kümmern oder Angehörige pflegen kann. Die Arbeitsplatzteilung ist aber auch geeignet, wenn ein Mitarbeiter beispielsweise eine Weiterbildung machen oder teilweise freiberuflich arbeiten möchte.

Der Vorteil: Es sind in der Regel verantwortungsvollere Tätigkeiten möglich als bei anderen Teilzeitbeschäftigungen, da sich die Arbeit auf mehrere Schultern verteilt. Übrigens bedeutet Jobsharing nicht unbedingt halber Job: Sowohl zeitlich als auch finanziell können „gesharte“ Jobs über die 100 % einer einzelnen Stelle hinausgehen, weil etwa jeder Jobsharer 60 % der regulären Wochenarbeitszeit vereinbart hat.

Die Vorteile von Jobsharing für Unternehmen

Durch Jobsharing können Unternehmen Mitarbeiter halten oder gewinnen, die sie mit Vollzeitmodellen möglicherweise nicht bekommen würden, weil manche Mitarbeiter in bestimmten Lebensphasen mehr Zeit brauchen. Wenn die Kommunikation passt, profitiert der Arbeitgeber von doppeltem Know-how.

Jobsharer können sich zudem ideal vertreten, im Urlaub und bei Krankheit. Und Sie bringen in der Regel überdurchschnittliche Motivation mit. Sie können Ihre persönlichen Bedürfnisse mit dem Job vereinbaren und Sie wissen vor allem, dass ihr Arbeitsmodell selten ist und wollen, dass es funktioniert.

Jobsharing kann außerdem eine gute Antwort auf die aktuellen Führungsherausforderungen sein: In vielen Bereichen ist es schwierig, zu führen und gleichzeitig fachlich auf dem neuesten Stand zu sein.

Eine „Tandem-Führung“ aus einem fachlichen Experten und einem disziplinarischen Vorgesetzten als Führungsduo könnte diese Herausforderung meistern. Die gebündelte Kompetenz von zwei Personen auf einem Job bringt generell mehr Effizienz, da jeder sich auf die Aufgaben konzentrieren kann, die er am besten kann und die ihm am meisten Spaß machen.

Tipps für Unternehmen

Der Bedarf an Fach- und Führungskräften ist sehr hoch und die Suche entsprechend schwierig. Flexible und innovationsfreudige Unternehmen sollten eine (oder mehrere) freie Stellen daher mit mehreren Jobsharern auffüllen. Oftmals ist auch eine Kombination mit Home-Office denkbar. Wer die besten Leute haben und halten möchte, muss auf die sich verändernden Bedingungen auf dem Markt eingehen. Am besten bereits bevor eine akute Personalnot eintritt.

Worauf Unternehmen bei der Planung von Jobsharing achten sollten:

Organisation ist das A und O: Jobsharing erfordert Disziplin und Planung auf beiden Seiten. Unternehmen und Arbeitnehmer müssen die Teilung der Aufgaben und Arbeitszeit zu Beginn genau planen. Im Arbeitsalltag ist ein erhöhtes Maß an Kommunikation erforderlich.

Die Chemie muss stimmen: Grundvoraussetzung ist, dass die Sharing-Partner sich gut verstehen und die gleichen Werte teilen. Das sollten Sie vor der Einstellung sicherstellen.

Die Kosten können steigen: Mehrere Teilzeitstellen können durch Sozialabgaben und überschneidende Arbeitszeiten teurer werden als entsprechende Vollzeitstellen. In der Regel erhalten Sie dadurch aber auch den doppelten Input.

Die Vorteile für beide Seiten liegen klar auf der Hand. Jetzt liegt es an den Unternehmen, entsprechende Angebote zu entwickeln und umzusetzen. Weil die Work-Life-Balance der zweitwichtigste Kündigungsgrund ist, werden Arbeitgeber mit entsprechenden Angeboten – und dazu gehört Jobsharing – talentierte Fach- und Führungskräfte erfolgreich binden und gewinnen.

Schreiben Sie uns, haben Sie bereits Erfahrung mit Jobsharing - als Arbeitgeber oder als Arbeitnehmer? 

Bildquelle: © Bacho Foto - Fotolia.com

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