Unverzichtbar: So gelingt Mitarbeiterbindung in Krisenzeiten

Von Christina Holl on 15. Juli 2020

Neben dem Kampf um Kunden, der Lösung technischer Herausforderungen und der Umstellung zahlreicher Prozesse muten Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung in Krisenzeiten fast wie Luxus an. Doch das ist zu kurz gedacht. Wer jetzt seine Angestellten aus dem Blick verliert, riskiert womöglich einen Personalkollaps – spätestens dann, wenn sich die Wirtschaft erholt. Was wichtig ist, um die Belegschaft auch in unsicheren Zeiten ans Unternehmen zu binden.

Warum Mitarbeiterbindung gerade bei unruhiger See wichtig ist

Klar: Mitarbeiterbindung ist grundsätzlich ein zentrales Thema in Unternehmen, das per se nie unter den Tisch fallen sollte. In Zeiten wie diesen gewinnt das Retention-Management aber noch einmal mehr an Bedeutung. Klingt wenig einleuchtend – wohin sollten die eigenen Mitarbeiter angesichts des brachliegenden Arbeitsmarkts schon abwandern? 

Das mag für den Moment vielleicht zutreffen, ist aber zu kurz gedacht. Gerade jetzt, wo die Auswirkungen des Coronavirus wirtschaftlich deutlich spürbar sind, sind motivierte Mitarbeiter ein entscheidender Produktivitätsfaktor und spätestens wenn Ihr Unternehmen wieder volle Fahrt aufnimmt, brauchen Sie alle Mann (und selbstverständlich auch jede Frau) an Deck. Denn auch diese Krise geht irgendwann vorüber und es wird wieder verstärkt rekrutiert werden. Bei Wettbewerbern möglicherweise früher als in Ihrem Unternehmen.

Luxusliner oder eher Seelenverkäufer? Die Krise bringt es ans Licht

Machen Sie sich bewusst, dass die letzten Monate nicht nur aus unternehmerischer Sicht eine Herausforderung waren. Sie haben auch Arbeitnehmern einiges abverlangt: Der Schritt von Old zu New Work quasi über Nacht ist an Angestellten nicht spurlos vorübergegangen. Komplett neue Arbeitsformen, deutlich mehr Selbstverantwortung, teilweise gerade aufgrund der Krise sogar ein außergewöhnlich hoher Workload oder Kurzarbeit. Und das in einer Zeit, die ohnehin von großen Unsicherheiten geprägt ist. Fühlen sich Angestellte in dieser Situation vom Arbeitgeber im Stich gelassen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie die erstbeste Gelegenheit zum Jobwechsel nutzen.

Die gute Nachricht: Unternehmen, die jetzt ins Retention- Management intensivieren, halten nicht nur Mitarbeiter. Sie können sich gleichzeitig vergleichsweise einfach einen Wettbewerbsvorteil in Sachen Employer Branding sichern und sich für die Post-Corona-Ära gut aufstellen. Denn mehr als jeder dritte Arbeitnehmer bemängelte fehlende Fürsorge seines Arbeitgebers während der Corona-Krise, wie eine Gallup-Umfrage Mitte März, also inmitten der Covid-19-Pandemie, zeigte. Der Zeitpunkt ist also gut, um sich als Arbeitgeber zu positionieren, der für seine Mitarbeiter da ist.

Gemeinsam durch stürmische Zeiten: Am Puls der Crew bleiben

Das gibt die Marschrichtung vor: Schauen Sie genau hin, wie es Ihrer Mannschaft mit den weitreichenden Veränderungen geht, die in den vergangenen Monaten auf sie eingeprasselt sind. Welche Erfahrungen haben die Mitarbeiter gemacht, welche Erkenntnisse gewonnen? Wie stehen sie der Rückkehr zum alten Arbeitsalltag gegenüber? Der Dialog mit dem Team sollte derzeit ganz oben auf der Agenda von Personalern stehen. So lassen sich akute Probleme frühzeitig erkennen und beheben. Flankierend können Mitarbeiterumfragen weitere wertvolle Informationen liefern. Positiver Nebeneffekt: Sie geben den Angestellten damit das gute Gefühl, dass ihre Meinung geschätzt wird.

Auch wenn die Kassen leer sind: Die Heuer muss stimmen

Der Kostendruck ist in vielen Unternehmen immens gestiegen und der Arbeitsmarkt liegt noch relativ brach. Verlockend, jetzt bei Neueinstellungen das Gehalt möglichst weit zu drücken. Auf lange Sicht aber keine gute Idee. Meutereien sind zwar selten geworden, doch die unbequeme Wahrheit ist: You get what you pay for. Mit einem Gehalt unter Branchenschnitt riskieren Sie nicht nur, dass die Neueinstellung schon bald ein besseres Angebot annimmt. Mitarbeiter, die sich nicht angemessen bezahlt fühlen, sind häufig weniger engagiert und produktiv. 

Deshalb sollten Sie faire Gehälter zahlen. Mit Geld allein lassen sich Mitarbeiter bekanntermaßen meist nicht halten. Doch Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung laufen in der Regel ins Leere, wenn eine grundsätzliche Unzufriedenheit besteht.

Effizienter und günstiger als ‘ne Buddel voll Rum: Damit können Sie Mitarbeiter halten

Wenn die Rahmenbedingungen aber stimmen, lässt sich die Mitarbeiterbindung relativ einfach und ohne hohen finanziellen Aufwand erhöhen. Viel wichtiger als kostenintensive Maßnahmen ist die Bereitschaft, auf die Mitarbeiter einzugehen und sich von alten Mustern zu lösen. Dies sind die wichtigsten Ansatzpunkte:

  • Wertschätzung: Aufmerksame Fragen nach der Arbeitssituation und dem Wohlbefinden sowie Lob und Dank, wo sie angebracht sind, geben Mitarbeitern das Gefühl gesehen zu werden und sind derzeit wichtiger denn je.
  • Kommunikation und Transparenz: Krisensituationen bringen Unsicherheit mit sich. Wirken Sie dieser mit klarer und beständiger Kommunikation entgegen. Halten Sie die Belegschaft auf dem Laufenden, selbst bei kleinen Kurskorrekturen. Gehört Ihr Unternehmen bislang nicht zu den transparentesten, ist jetzt ein guter Zeitpunkt das zu ändern. Ihre Mitarbeiter sollten wissen, wofür sie sich einsetzen.
  • Flexibilität: Neue Arbeitsformen und Prozesse verlangen Ihren Angestellten viel Flexibilität ab. Diese sollten Sie im Gegenzug auch zeigen, etwa wenn sich Engpässe in der Kinderbetreuung ergeben. Das Vertrauen auf ein ausgewogenes Geben und Nehmen führt zu einer stärkeren Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen.
  • Vergütung: Wenn große Gehaltssprünge gerade nicht möglich sind, ist eine transparente Kommunikation der beste Weg zum Verständnis. Eine Option kann das Offenlegen von Geschäftszahlen sein. Außerdem sind Perspektiven gefragt: Was muss passieren, damit Sie wieder über Gehaltsanpassungen sprechen können? Überlegen Sie auch, ob Sie zur Motivation dem ganzen Team einen Bonus in Aussicht stellen, falls Sie ein bestimmtes Geschäftsergebnis erreichen.
  • Wohlbefinden: Das wöchentliche Firmen-Yoga, die Massage in der Pause und der freitägliche After-Work-Drink auf der Dachterrasse – die üblichen Glücklichmacher sind derzeit nicht möglich. Werden Sie kreativ und finden Sie der Situation angemessenen Ersatz. Benefits funktionieren nur, wenn sie auf Ihre Belegschaft zugeschnitten sind und Mitarbeitern einen echten Mehrwert bieten. Ein Zugang zu Online-Yoga-Kursen kann eine gute Idee sein, ein Webinar über Entspannungstechniken oder ein Online-Escape-Game fürs Teambuilding. Maßnahmen, wie ein Termin zum virtuellen Feierabendbier oder Lunch, sind zwar nette Add-ons, als echte Benefits sollten Sie sie aber nicht verkaufen. Das wirkt schnell lächerlich.
  • Perspektiven: Insbesondere Mitarbeiter, die in der Ausnahmesituation fachfremde oder zusätzliche Aufgaben übernommen haben, brauchen die Sicherheit, dass dies nur eine Übergangslösung ist. Entsteht der Eindruck, dass sie dauerhaft darauf festgenagelt werden, kann dies das ungute Gefühl auslösen, in einer beruflichen Sackgasse zu stecken. Besprechen Sie daher unbedingt mittel- bis langfristige Ziele und unterstützen Sie Weiterbildungsmaßnahmen.

Wenn Sie in diesen Bereichen positive Signale setzen können, lässt sich das Mitarbeiter-Commitment flächendeckend erhöhen. Grundsätzlich ist und bleibt Commitment natürlich eine sehr individuelle Angelegenheit. Neben der Arbeit an den Grundlagen kommen Sie also nicht umhin, sich mit den Bedürfnissen des Einzelnen zu beschäftigen. Im Zweifel kennt der direkte Vorgesetzte diese am besten. Binden Sie daher im Idealfall alle Führungskräfte aktiv in Ihr Mitarbeiterbindungsprogramm ein.

Kurs halten auch bei schlechter Sicht: Kennzahlen für die Bindung ans Unternehmen

Retention-Management kann sich mitunter wie Stochern im Nebel anfühlen. Ob Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung die Besatzung längerfristig an Bord halten oder Sie sich die Arbeit umsonst machen, lässt sich leider meist nicht unmittelbar ableiten. Diese Kennzahlen geben Aufschluss darüber, ob Sie auf dem richtigen Kurs sind: 

  • Mitarbeiter-Commitment-Index: Der direkteste (allerdings recht aufwendige) Weg, um herauszufinden, wie es um die Verbundenheit Ihrer Mitarbeiter steht, ist es, sie regelmäßig zu ihrem Befinden und ihrer Einstellung zum Unternehmen zu befragen. 
  • Fluktuation: Wie viele Mitarbeiter verlassen Sie im Schnitt im Jahr, wie sieht es in den einzelnen Abteilungen aus und welche Tendenzen gibt es? Die Antworten sind besonders im Branchenvergleich aufschlussreich.
  • Durchschnittliche Betriebszugehörigkeit: Diese Kennzahl gibt Aufschluss über die Stabilität in der Belegschaft.
  • Abwesenheitsquote: Ein überdurchschnittlicher Krankenstand kann auf Stress und Unzufriedenheit hindeuten.
  • Verbesserungsvorschläge: Nur Mitarbeiter, die gemeinsam mit ihrem derzeitigen Arbeitgeber etwas erreichen wollen, machen Verbesserungsvorschläge. Werten Sie aus, wie oft Ihrem Aufruf dazu gefolgt wird.
  • Interesse an internen Stellenausschreibungen: Die Resonanz auf interne Ausschreibungen verrät einiges über die Attraktivität als Arbeitgeber. Insbesondere wenn Leistungsträger kein Interesse an weiteren Karriereoptionen im Unternehmen zeigen, sollten Sie hellhörig werden.
  • Mitarbeiterempfehlungen: Nur zufriedene Mitarbeiter werden Freunde und Bekannte ermuntern, sich auch bei Ihnen zu bewerben.

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Bildquelle: © hamann - unsplash.com

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