Zukunft der Arbeit: Nur noch flexibel?

Von Sven Hennige 8. Juni 2015

Was ist die perfekte Arbeitsumgebung für Wissensarbeiter? Und wie definiert man diese „Gattung“ eigentlich? Mit einer Blogparade sind die Macher von the-new-worker.com diesen Fragen kürzlich auf den Grund gegangen. Wir glauben, die „Spezies“ Wissensarbeiter differenziert sich sehr stark. Eine reine Definition über die Arbeitsplatzumgebung greift somit zu kurz.

Der Begriff des „Wissensarbeiters“ ist keine neue Erfindung. Bereits 1959 führte der Ökonom Peter Drucker in seinem Buch „The Landmarks of Tomorrow“ den Begriff ein: „Wissensarbeiter sind diejenigen Arbeiter, die nicht für ihre körperliche Arbeit und manuellen Fähigkeiten entlohnt werden, sondern für die Anwendung ihres erworbenen Wissens.“

Nun ist diese Definition in unserer heutigen Arbeitswelt nicht mehr ausreichend. Denn welche Tätigkeit – mal abgesehen von einer Handvoll Jobs, die vermutlich noch nicht mal als Berufsbild durchgehen – erfordert heutzutage keinen Einsatz von Know-how? Das Einbringen neuer Ideen gehören vielmehr in jedem Job heutzutage zum Aufgabenprofil.

Dienst nach Vorschrift hat ausgedient

Die meisten Unternehmen haben längst erkannt, dass hochkomplexe aber auch einfache Tätigkeiten und Prozesse effizienter gestaltet werden können, wenn man die Erfahrung und das Know-how derjenigen einbezieht, die täglich diese Arbeit ausführen. Mitdenken, Know-how einbringen und vor allem Innovationen schaffen – das macht heutzutage Wissensarbeiter aus.

Noch vor ein paar Jahren hat es vielleicht genügt, täglich pünktlich zur Arbeit zu erscheinen, Dienst nach Vorschrift abzuleisten und pünktlich zum Feierabend den Stift fallen zu lassen. Heute kann sich das kein Unternehmen und kein Mitarbeiter mehr leisten. Oder besser: Wer sich einbringt, statt nur abzuarbeiten, wird belohnt.

IT Insights Robert Half

Das bestätigen beispielsweise die Ergebnisse der Arbeitsmarktstudie von Robert Half. Demzufolge neigt mehr als jeder dritte HR-Manager in großen Unternehmen vor allem dann zu Gehaltserhöhungen, wenn der Mitarbeiter Innovationsfähigkeit zeigt. Auch der Erfolg von Unternehmen wie Google, die ihren Mitarbeitern erlauben, 20 % ihrer Arbeitszeit für eigene Projekte einzusetzen, sprechen eine eindeutige Sprache.

Was aber heißt das für die Frage, wie wir in Zukunft arbeiten? Ein Kernelement unserer Beschäftigung in der Zukunft ist die Egalisierung von Informationen – und zwar nicht nur auf Seiten der Arbeitnehmer, sondern auch auf Seiten der Arbeitgeber: Wer Informationen nicht nur zur Verfügung stellt, sondern auch dazu animiert, sie sinnvoll zu nutzen, profitiert langfristig davon.

Im Klartext: Jeder Mitarbeiter sollte alle relevanten Informationen zur Verfügung haben, sie sind höchstens unterschiedlich aufbereitet. Erst damit haben alle dieselben Möglichkeiten, Innovationen voran zu treiben, neue Ideen zu entwickeln und auch, sich selbst weiter zu entwickeln.

Die Arbeitsumgebung ändert sich stetig, aber immer schneller

Fakt ist: Unsere Arbeitsumgebung war schon immer einem Wandel unterworfen. Mit der zunehmenden Digitalisierung ändert sich jedoch das Tempo: Wir müssen heute viel schneller adaptieren und uns neuen Herausforderungen stellen, die es früher nicht gab. Der demographische Wandel, veränderte Werte, Gender-Diskussion, Gleichstellungs- und Quotenregelungen – alles Dinge, die Arbeitgeber heute fordern.

Die pauschale Erwartung, dass wir alle zukünftig nur noch mobil arbeiten werden, greift hier zu kurz. Damit engen wir den Spielraum ebenso ein, wie mit vorgeschriebenen Bürozeiten und einem festen Schreibtisch. Die Zukunft der Arbeit liegt daher in der geschickten Kombination verschiedener Arbeitsplatz- und Arbeitszeitmodelle und damit einer Erweiterung der Möglichkeiten. Das beste Rezept gegen Herausforderungen wie Fachkräftemangel ist immer noch Individualisierung, das gilt auch für die Arbeitsplatzsituation.

Wie wollen wir arbeiten oder wie wollen wir beschäftigt sein?

Individuelle Angebote zu finden, mit denen die Mitarbeiter zufrieden sind und ihre Arbeitskraft effizient einsetzen können, ist zugegebenermaßen eine Herausforderung. So macht etwa der zeitlich und örtlich flexible Einsatz von Mitarbeitern die Ergebniskontrolle schwierig – die Beurteilungskriterien für Leistung unterliegen demnach ebenso einem Wandel wie die Arbeitsplatzsituation. Dazu kommt, dass Know-how immer häufiger nur kurzfristig nach Bedarf zugekauft wird, über Interim Manager, Zeitarbeitskräfte oder Projektstellen. Das bedeutet für Unternehmen auch, dass sie sich womöglich wesentlich früher mit der Frage nach den Einsatzmöglichkeiten des Mitarbeiters auseinandersetzen müssen als sie glauben.

Vielleicht ist die Frage nicht mehr, wie wollen wir arbeiten, sondern wie wollen wir beschäftigt sein? Möglicherweise liegt die Zukunft der Arbeit in festen Kernteams einerseits, die Management- und Verwaltungsaufgaben übernehmen, während andererseits hochflexible Dienstleister Fachkräfte nach Bedarf vermitteln und in Projektgruppen mit Know-how unterstützen?

In manchen Bereichen der Wirtschaft ist das längst Alltag: Software-Entwicklung etwa lässt sich in einigen Fällen gar nicht mehr anders realisieren, weil die nötigen Fachkräfte in so geringer Zahl vorhanden sind. Dieses Szenario weitergedacht verleiht dem Thema Zeitarbeit eine völlig neue Dimension. Die Frage nach der Büroausstattung, dem Einsatz von Social Media oder ob Bring Your Own Device zulässig ist, spielt dann nur noch eine untergeordnete Rolle.

Was denken Sie? Ich freue mich auf eine Diskussion mit Ihnen hier oder auf meinem Xing- oder LinkedIn-Profil.

Bildquelle: @vege - Fotolia.com

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