Totale Kontrolle: Wie man mit pedantischen Chefs umgeht

Von Christina Holl 11. November 2015

Wenn der Chef überall mitmischen will, kann einen das wahnsinnig machen. Aufgaben, die Sie sonst nebenbei erledigen, ziehen sich unendlich in die Länge. Zeit, etwas zu unternehmen: So reagieren Sie auf einen Vorgesetzten, der alles kontrollieren will.

Dass sich der Chef drei Mal täglich nach dem Projektstatus erkundigt – damit kommen Sie ja noch klar. Mit der Tatsache umzugehen, dass er manchmal minutenlang hinter Ihnen steht und Ihnen bei der Arbeit zusieht, hat zugegebenermaßen etwas länger gedauert, aber Sie haben auch diese Marotte akzeptiert. Doch als Sie neulich in der Kantine seinen Atem im Nacken spürten und er Ihnen präzise Anweisungen gab, wie Sie sich das perfekte Mittagessen zusammenstellen, da war das Maß voll. Jetzt haben Sie sich unter Ihrem Schreibtisch versteckt und überlegen, wie Sie diesem kontrollwütigen Chef seine Grenzen aufzeigen – oder sich zumindest selbst wieder soweit entspannen können, dass Sie auf dem Nachhauseweg nicht andauernd nervös über die Schulter schauen.

Sehen Sie sich mit den Augen Ihres Chefs

Analysieren Sie zuerst die Situation und versetzen Sie sich in die Rolle Ihres Chefs. Anders gesagt: Kann es aus seiner subjektiven Sicht einen Grund dafür geben, dass Ihr Vorgesetzter Sie ständig kontrolliert? Sind in letzter Zeit Projekte schief gelaufen? Könnten Sie Ihrem Chef Anlass gegeben haben, Ihnen nicht mehr voll zu vertrauen? Dann suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Vorgesetzten und versuchen Sie, Konfliktpunkte zu klären. Gerade wenn Sie schon länger im Unternehmen sind, sollte er wissen, dass Sie gute Arbeit leisten und Ihnen einen Vertrauensvorschuss gewähren.

Selbst wenn Sie keine Fehler gemacht haben, sollten Sie die Einmischungen Ihres Chefs nicht mit einer Handbewegung wegwischen – sondern zu Ihrem Vorteil nutzen. Schlucken Sie Ihren Ärger über die Bevormundung hinunter und hören Sie genau hin: Können Sie mit Hilfe der Vorschläge und Kommentare Ihres Chefs die Ergebnisse verbessern? Lassen Sie sich von der Art und Weise, auf die er sich einmischt – und die Ihnen vielleicht auf die Nerven geht – nicht vom Inhalt ablenken. Und sehen Sie es als Chance, sich zu verbessern.

Warum Ihr Chef ist, wie er ist

Nach reichlicher Prüfung haben Sie keine Fehler bei sich entdeckt, die den Argwohn Ihres Chefs rechtfertigen würden? Und Sie können aus seinen Anmerkungen auch keine wertvollen Tipps für die Arbeit gewinnen? Dann dürfen Sie jetzt aufhören, sich mit sich selbst zu beschäftigen und können das Scheinwerferlicht auf Ihren Vorgesetzten richten. Da es fachlich keinen Anlass für seine Einmischungen gibt, liegt das Problem bei ihm selbst. Das ist zwar auf der einen Seite eine erleichternde Erkenntnis für Sie, befreit Sie aber leider nicht von seiner ständigen Überwachung. Doch wenn Sie wissen, warum er so handelt, können Sie lernen, damit umzugehen.

Ständige Nachfragen des Chefs lassen darauf schließen, dass er selbst etwas unsicher ist. Er will alle möglichen Fehlerquellen im Projekt ausschalten. Eine Möglichkeit, sich von seinen inquisitorischen Befragungen zu befreien, ist Eigeninitiative: Liefern Sie nach Absprache regelmäßige Updates, in denen Sie die wichtigsten Fortschritte zusammenfassen. Halten Sie sich an einen festen Rhythmus, zum Beispiel zwei Mal pro Woche. So können Sie entscheiden, wann Sie Ihre Fortschritte protokollieren und werden nicht aus Ihrer Arbeit gerissen. Wichtige oder unvorhergesehene Entwicklungen im Projekt sollten Sie natürlich direkt kommunizieren.

Von Zwängen und Narzissten

Übertriebene Kontrolle muss nicht heißen, dass Ihr Chef ständig nach einem Update verlangt. Es kann auch bedeuten, dass er eine feste Vorstellungen davon besitzt, wie sein Team Aufgaben zu erledigen hat. Beispielsweise kritisiert er Ihren Bericht nicht inhaltlich, sondern deshalb, weil Sie ihn nicht in sein bevorzugtes Format gebracht haben. Kurz gesagt: Er will, dass in seiner Abteilung alles genau so läuft, wie er sich das vorstellt. Jetzt müssen Sie einen Moment tapfer sein: Daran können Sie nichts ändern. Wenn Sie sich nicht an seine Spielregeln halten, kommt es entweder zu Konflikten oder zu jenen zwanghaften Kontrollen, die der Grund sind, warum Sie diesen Artikel lesen.

Wenn Sie unter diesem Chef bestehen möchten, müssen Sie einen Kompromiss eingehen – der Ihnen selbst allerdings Vorteile verschafft: Halten Sie sich an seine formalen Ansprüche, gewinnen Sie in den meisten Fällen größere Freiheit bei der inhaltlichen Gestaltung. Und sind wir mal ehrlich: Die ist doch viel mehr wert.

Ein weiterer Grund für die Kontrollwut Ihres Chefs kann mehr oder weniger stark ausgeprägter Narzissmus sein: Er möchte seine eigene Handschrift in jedem Projekt erkennen. Selbst wenn etwas bereits gut ist, ändert er es, um ihm seine persönliche Note aufzudrücken. Auch damit sein Vorgesetzter und die Kollegen aus anderen Abteilungen sehen: Das ist sein Werk. Mit direkter Konfrontation haben Sie bei solchen Chefs schlechte Karten. Ein weiterer Nachteil ist, dass dieser Chef es ungern sieht, wenn seine Mitarbeiter – und sei es nur in einzelnen Disziplinen – besser sind als er selbst. Wenn Sie damit nicht leben können, müssen Sie die Abteilung oder das Unternehmen wechseln.

Geht es Ihnen eher um die Qualität der Arbeit – unabhängig davon, wem der Erfolg angerechnet wird – können Sie die neue Erkenntnis über Ihren Chef zum Vorteil nutzen. Indem Sie ihn zum Beispiel häppchenweise mit guten Ideen versorgen, bis er schließlich denkt, es waren seine eigenen, und sie umsetzt. Auch für Ihre Karriere muss ein solcher Chef nicht unbedingt hinderlich sein. Wegen seiner Mängel in der Personalführung herrscht hohe Fluktuation in der Abteilung, was irgendwann auch Zweifel an seiner Eignung offenbaren wird. Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass der stärkste Mitarbeiter übernimmt. Und Sie sollten auch die Möglichkeit nicht ganz vergessen, dass Ihr Chef durch sein Verhalten nur die beste Leistung aus Ihnen hervorholen möchte und großes Potenzial in Ihrer Arbeit sieht.

Egal welchem Typ kontrollwütigen Chef Sie sich gegenüber sehen: Bleiben Sie sich selber treu. Nur so bringen Sie die beste Leistung – und haben langfristig Spaß an Ihrer Arbeit. Sich selbst treu zu sein, bedeutet für unterschiedliche Menschen allerdings auch unterschiedliches. Manche haben kein Problem damit, Ruhm an Ihren Chef abzugeben, der eigentlich Ihnen gehört. Oder ihm auch mal ein bisschen Honig ums Maul zu schmieren. Andere können das nicht, die sollten sich dann nach alternativen Jobs umschauen. Was auch immer Sie tun: Kommen Sie unter Ihrem Schreibtisch heraus und schmieden Sie einen Plan.

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