Der elektronische Widersacher – nehmen uns wirklich Roboter die Arbeit weg?

Von Christina Holl 27. August 2015

Die Aussichten sind scheinbar alles andere als rosig: Schon in zwanzig Jahren könnte ein Großteil von uns arbeitslos sein. Um den Job gebracht haben uns dann: Roboter und Computer. Das behauptet zumindest eine Studie der Oxford University. Droht jetzt das Aus für Fach- und Führungskräfte?

Buchhalter und Wirtschaftsprüfer, Finanzbeamte und Steuerberater – sie alle stellen sich seit kurzem eine schwierige Frage: Gibt es unsere Jobs bald nicht mehr?

Schuld daran ist eine Studie der University of Oxford, der zufolge es diese Jobs in etwa 20 Jahren nicht mehr geben wird. Oder besser: Sie werden nicht mehr von Menschen ausgeübt. Stattdessen übernehmen angeblich Computer und Roboter diese Tätigkeiten, genau wie bei etwa 200 anderen Berufen, die laut der Studie mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 90 % Opfer der Automatisierung werden.

Die Geschichte wiederholt sich

Heißt das für viele Berufe, dass sie in Zukunft obsolet sind? Nehmen uns Roboter und Computer unsere Jobs weg? So einfach lässt sich diese Frage sicher nicht beantworten. Fakt ist allerdings, dass sie durchaus nicht neu ist. Mit jedem Entwicklungsschritt standen Menschen vor eben dieser Frage. Einst wurden Telegrafenbeamte durch das Telefon ersetzt, Kutscher verloren ihre Jobs, als die ersten Autos durch die Straßen tuckerten.

Die industrielle Revolution sorgte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Massenarbeitslosigkeit und Hungersnöte. Die „digitale Revolution“ wird hingegen nicht kommen – sie ist längst da. Die Industrie sucht aktuell fieberhaft nach Möglichkeiten, um dem globalen Konkurrenzdruck Herr zu werden. Industrie 4.0 heißt das Schlagwort, unter dem Prozesse automatisiert und Technologien weiter entwickelt werden sollen. Das bleibt auch für die Arbeitnehmer nicht folgenlos: Jobs fallen weg, Arbeit wird automatisiert – im Prinzip wiederholt sich die Geschichte.

Nur: Im Gegensatz zu vor 200 Jahren sind dieses Mal – zumindest hat es bislang den Anschein – Verwaltungstätigkeiten, also die sogenannten Bürojobs, deutlich stärker betroffen. Schuld daran ist die rasante Entwicklung der Roboter- und Computertechnologie.

Schon jetzt gibt es lernende Maschinen, die per Algorithmen Tätigkeiten von Menschen in Daten umwandeln und herausdestillieren, wie sie funktionieren. Das Ausführen dieser Aufgaben ist dann nur noch eine Pflichtübung für die Maschinen. Zumindest theoretisch. Denn viele Aufgaben, die in Experimenten von Wissenschaftlern mühelos von Maschinen ausgeführt werden, wurden unter Laborbedingungen gestellt und haben mit der Realität nicht viel gemeinsam.

Auch Manager sind ersetzbar!?

Die Studie der Universität Oxford etwa hat mehr als 700 Berufe unter die Lupe genommen. Demnach sind 200 davon akut gefährdet mit einer über 90 %-igen Wahrscheinlichkeit der Rationalisierung, weitere 200 sind immerhin noch zu 50 % gefährdet.

Der Zeithorizont von 20 Jahren ist dabei relativ. Bankmitarbeiter, die noch vor ein paar Jahren hauptsächlich für das Schaltergeschäft zuständig waren, sind immer seltener anzutreffen: Wer heute auf der Suche nach persönlichen Ansprechpartnern ist, wird erst einmal auf die Webseite oder an einen Bankautomaten verwiesen. Allerdings: Für die Banken war diese Entwicklung nicht unbedingt hilfreich.

​Dabei macht die Automatisierung keineswegs Halt vor „Routine-Aufgaben“. Durch die Integration verschiedener Datenquellen und der zielgerichteten Auswertung von Informationen können Roboter mittlerweile Kunden angeblich zum Teil besser beraten und die richtigen Schlüsse bei komplizierten Aufgaben ziehen.

Für bestimmte Bereich mag das gelten, daraus aber insgesamt ein Ende bestimmter Berufsgruppen heraufzubeschwören, ist vermutlich eher ein PR-Gag, als ernsthafte Wissenschaft. Zu verschieden sind schließlich die Herausforderungen in unterschiedlichen Branchen, zu komplex die Vorgänge, die ein Mensch in Relation miteinander setzt, bevor er eine Entscheidung trifft. Nicht zuletzt deshalb, weil die ein oder andere Abwägung auch mit Hilfe eines Einflussfaktors geschieht, den Computer wohl nie haben werden: dem Bauchgefühl.

Zwar leben Informationen aus sozialen Netzwerken davon, persönliche Beziehungen in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen. Und im schlimmsten Fall, sind die Mitarbeiter dann mit einem Roboter-Chef sogar zufriedener als mit einem menschlichen, wie bei einem Versuch des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Aber eine Verallgemeinerung oder gar die Wahrscheinlichkeit der Berufsaussicht für ganze Berufsgruppen daraus abzuleiten, erscheint doch etwas weit hergeholt.

Neue Technologien, neue Jobs

Also zurück zur Kernfrage: Nehmen uns Roboter unsere Jobs weg? Ich glaube nicht, dass es auf diese Frage eine eindeutige Antwort gibt. Natürlich gibt es Berufsbilder, die in sehr naher Zukunft verschwinden werden, weil Computer schneller, günstiger und in einigen Fällen auch besser arbeiten.

Auf der anderen Seite entstehen mit jeder neuen Entwicklung neue Jobs und neue Berufe, die einen eigenen Kosmos bilden. Wer hätte vor ein paar Jahren an das Berufsbild eines Social Media Managers gedacht? Welches Unternehmen hatte bis vor wenigen Jahren einen eigenen Verantwortlichen für Compliance-Fragen oder für das Risikomanagement? Der „Biltroller“, also die Mischung aus Bilanzbuchhalter und Controller, ist drauf und dran, sich in Unternehmen seinen festen Platz zu sichern. Und App-Entwickler sind durch den Siegeszug der mobilen Endgeräte auf lange Sicht eine äußerst gefragte Spezies.

Digitale Disruption oder digitale Evolution?

Jobs, die eine hohe Kreativität erfordern, die verschiedene Aspekte berücksichtigen müssen, die sich nicht in ein Raster pressen lassen, sind selbst laut Oxford-Studie nicht gefährdet. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten: Jeder, der sich nicht entwickelt, muss um seinen Arbeitsplatz bangen. Das hat jedoch nichts – oder nur am Rande – mit der Digitalisierung zu tun.

Agilität gehört zu jedem Berufsbild dazu. Das gilt auch für Jobs in der Buchhaltung und Controlling. Die Oxford-Studie sagt diesen Berufsbildern ein baldiges Ende voraus – ich prophezeie hingegen eine glänzende Zukunft. Denn Zahlen miteinander in Relation zu setzen, wie es Computer zweifellos können, ist nur ein kleiner Teilbereich der Aufgaben eines Buchhalters.

Der wesentlich größere Teil besteht aus Entscheidungen, die nicht zahlengetrieben sind. Dem Aufbau von partnerschaftlichen Beziehungen etwa, der Einordnung von Kosten-Nutzen-Analysen, die sich nicht durch Rechenmodelle darstellen lässt, oder der Tatsache, dass sich unsere Welt nicht in digitales schwarz und weiß pressen lässt. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Die „digitale Disruption“ ist daher vielmehr eine digitale Evolution, die sicherlich viele neue Herausforderungen mit sich bringt – aber auch tolle Chancen.

Oder wie sehen Sie das?

 

Bildquelle: © kromkrathog - Fotolia.com

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