Kündigen ohne neuen Job: Eine Lösung mit Risiken

Von Christina Holl on 17. November 2021
Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

Allein beim Gedanken an Ihren Job macht sich ein ungutes Gefühl in der Magengegend breit. Der Weg an den Schreibtisch – ein sich täglich wiederholender Gang nach Canossa, der Ihnen zunehmend schwerer fällt. Am liebsten würden Sie Ihre Stelle sofort kündigen. Ohne neuen Job in der Tasche unmöglich, denken Sie? Nicht unbedingt. Wir verraten Ihnen, was für eine Kündigung ohne neuen Arbeitsvertrag spricht – und wie es danach weitergeht.

Gründlich abwägen: Was ist Ihnen wichtig – im Job und im Leben

“Was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag? Und wofür?” Wohl fast jede*r Arbeitnehmer*in kennt diese Momente des Zweifelns, ob der aktuelle Job wirklich die richtige Wahl ist. Und manch eine*r würde lieber heute als morgen alles hinwerfen. Und tatsächlich tun das immer mehr Menschen. 

Vor allem in den USA ist die Zahl der Eigenkündigungen seit dem Frühjahr 2021 so rasant gestiegen, dass es inzwischen einen eigenen Begriff für dieses Phänomen gibt. “The Great Resignation” oder auch “Big Quit” bezeichnet die massenhafte freiwillige Kündigung von Arbeitnehmer*innen rund ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie. Auch wenn die Arbeitsbedingungen hierzulande nur bedingt mit denen in den Vereinigten Staaten vergleichbar sind, zeichnet sich auch in Deutschland eine höhere Bereitschaft ab, sichere Jobs aufzugeben. 

Denn in der Corona-Pandemie haben viele Angestellte ihre Work-Life-Balance hinterfragt und die eigenen Prioritäten neu geordnet. In der Abgeschiedenheit des Home-Office ist manchen bewusst geworden, dass ihr Job ihnen inhaltlich wenig gibt. Oder er ihnen im schlimmsten Fall sogar widerstrebt und ihre Lebensqualität massiv beeinträchtigt. 

Keine impulsiven Entscheidungen treffen

Ist die Erkenntnis erst einmal da, dass der aktuelle Job einem nicht guttut, fühlt sich der Gedanke an eine Kündigung häufig an wie ein Befreiungsschlag. Erst einmal eine Auszeit nehmen und dann weitersehen – das scheint verlockend zu sein. Doch nicht ohne Grund zögern viele Arbeitnehmer*innen in Deutschland davor, ohne neuen Job zu kündigen. Schließlich droht eine erklärungsbedürftige Lücke im Lebenslauf. Zudem gibt es bei eigener Kündigung in der Regel nicht sofort Arbeitslosengeld. Auch die Verhandlungsposition bei einem neuen Jobangebot ist meist schwächer. 

Es ist also ohne Frage riskant, eine sichere Stelle zu kündigen, ohne einen neuen Job in der Hinterhand zu haben. Impulsivität ist hier fehl am Platz. Es kann aber durchaus Gründe geben, die dafür sprechen, dem aktuellen Arbeitgeber schnellstmöglich den Rücken zu kehren. Wichtig dabei: Wägen Sie das Für und Wider dieses Schritts gründlich ab.

Gute Gründe für eine Kündigung ohne neuen Job

Ursachenforschung ist ein unerlässlicher erster Schritt bei der Entscheidung. Woran liegt es, dass Sie sich mit Ihrer Arbeit so unwohl fühlen? Was passiert, wenn Sie sich dem weiter aussetzen? Und ganz wichtig: Scheint eine Veränderung zum Besseren möglich? Ist die Lage ausweglos, kann eine möglichst schnelle Trennung vom Arbeitgeber sinnvoll sein  – auch ohne die Sicherheit eines neuen Jobangebots. Etwa, wenn einer der folgenden Sachverhalte gegeben ist. 

  • Sie gefährden Ihre Gesundheit: Gesundheit muss immer an erster Stelle stehen! Oft sind wir so im Stress, dass wir das erst dann merken, wenn wir krank sind. Dementsprechend achtsam sollten wir mit uns umgehen – und im Zweifel kündigen. „Mein Job macht mich krank“, dieser Gedanke ist ein Warnsignal, das Sie frühzeitig ernst nehmen sollten. Damit sind nicht nur körperliche Beschwerden gemeint. Steuern Sie beispielsweise auf ein Burnout zu, ist eine Kündigung ohne neuen Job nicht nur eine Notlösung, sondern oft die beste Entscheidung. So können Sie sich zunächst voll und ganz darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden. Und dann mit neuer Kraft wieder durchstarten. Aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktsituation speziell im Fachkräftebereich dürfte es nicht lange dauern, bis Sie einen neuen Job gefunden haben.
  • Sie werden ausgenutzt: Unbezahlte Überstunden werden zur Regel. Personelle Verstärkung oder weniger Arbeitslast sind nicht in Sicht. Ihre Bitte um Ausgleich stößt auf taube Ohren oder Sie werden immer wieder vertröstet. In dieser Situation kann Kündigen eine gute Option sein. Denn nebenbei noch Zeit für die Jobsuche aufzubringen, ist so kaum möglich.
  • Ihre Sicherheit ist in Gefahr: Sie haben zwar einen sicheren Job, aber die Arbeitsbedingungen sind alles andere als sicher? Wenn Sie die Gefahr von Unfällen oder Gesundheitsrisiken sehen, kann eine sofortige Kündigung sinnvoll sein. Das gilt vor allem, wenn Ihr Arbeitgeber die Situation nicht verbessern will. Den zuständigen Aufsichtsbehörden können Sie solche Missstände melden.
  • Sie sind dauerhaft unglücklich in Ihrem Job: Jede*r hat mal schlechtere Phasen bei der Arbeit. Wenn dieser Zustand allerdings länger anhält, zum Beispiel weil Sie von Kolleg*innen gemobbt werden, sollten Sie lieber heute als morgen kündigen. Gleiches gilt, wenn Sie Ihre Aufgaben so sehr verabscheuen, dass Sie das Gefühl haben, Ihre Arbeit saugt Ihnen auf Dauer sämtliche Lebensfreude aus. Bedenken Sie: Passiert dies, wird es immer schwerer, Energie für die Suche nach einer neuen Stelle aufzubringen.

Die Kehrseite: Diese Konsequenzen sollten Sie einplanen.

Eine längere Phase der Arbeitslosigkeit ist nicht das einzige Risiko, wenn Sie kündigen, ohne einen neuen Job zu haben.

  • Finanzielle Konsequenzen: Wenn Sie selbst kündigen, wird Arbeitslosengeld in der Regel erst drei Monate nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses ausgezahlt. Sie müssen diese Zeit ohne Einkommen überbrücken können. Zudem sinkt die maximale Bezugsdauer üblicherweise um ein Viertel. Sie erhalten dann nur für neun Monate Arbeitslosengeld I (ALG I), nicht ein ganzes Jahr lang. Die Sperre beim Arbeitslosengeld kann in bestimmten Situationen entfallen – auch wenn Sie selbst kündigen. Zum Beispiel, wenn Sie durch eine ärztliche Bescheinigung nachweisen können, dass Ihr Job Sie krank macht. Diese Regelungen gelten übrigens auch, wenn Sie einen Aufhebungsvertrag mit dem Noch-Arbeitgeber vereinbaren, statt zu kündigen: Grundsätzlich gilt eine Sperrzeit, die beim Vorliegen wichtiger Gründe jedoch verkürzt werden oder vollständig entfallen kann. 
  • Reaktionen Ihres Umfelds: Eine Kündigung ohne neuen Job gilt viele immer noch als No-Go. Stellen Sie sich darauf ein, dass Familie und Freundeskreis mitunter kein Verständnis für Ihre Entscheidung aufbringen und Sie möglicherweise heftig kritisieren werden. 
  • Erklärungsbedarf bei Bewerbungen: Zwar sind Lücken im Lebenslauf heute für viele Personalverantwortliche kein Ausschlusskriterium mehr. Dennoch werden Sie Ihre Kündigung potenziellen neuen Arbeitgebern im Vorstellungsgespräch nachvollziehbar erklären müssen. Dafür sollten Sie eine überzeugende Begründung parat haben und ehrlich bleiben. 
  • Schlechtere Verhandlungsposition beim neuen Arbeitgeber: Wer sich aus der Arbeitslosigkeit bewirbt, hat bei potenziellen neuen Arbeitgebern manchmal schlechtere Karten, vor allem bei Gehaltsverhandlungen. 

Nach der Kündigung: Das richtige Mindset ist entscheidend

Ihr Entschluss steht – Sie reichen die Kündigung ein! Auch wenn sich das erst einmal wie ein erfolgreicher Befreiungsschlag anfühlt: Werden Sie in Ihrer Euphorie nicht übermütig und verhalten Sie sich auch bei der Kündigung sachlich und professionell. Früher oder später werden Sie womöglich unsanft auf dem Boden der Tatsachen landen. Bevor Sorgen und Ängste die Oberhand gewinnen, gilt es, die richtige Einstellung zu entwickeln. Denn damit legen Sie den Grundstein, um einen neuen Job zu finden, in dem Sie glücklich arbeiten.

  • Betrachten Sie Ihre Kündigung nicht als Scheitern, sondern als notwendige Maßnahme. Sie verschafft Ihnen bei der Jobsuche sogar einen Vorteil: Anders als viele Mitbewerber sind Sie sofort verfügbar.
  • Machen Sie sich Ihre Stärken und Fähigkeiten bewusst. Sie haben einiges zu bieten.
  • Stehen Sie zu Ihrer Entscheidung und legen Sie sich eine gute Erklärung für Ihre Kündigung zurecht, die auch Personalverantwortliche überzeugt.

So können Sie den Bewerbungsprozess selbstbewusst und optimistisch angehen – und wirken auch auf Personaler überzeugend. Im Idealfall beginnen Sie direkt nach der Kündigung und nachdem Sie gesundheitlich wieder fit sind mit der Suche nach einem neuen Job.

Wir bei Robert Half unterstützen Sie gerne dabei, laden Sie einfach Ihren Lebenslauf hoch.
 

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Bildquelle: @alleksana - pexels.com


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