Kommt der Abschwung in 2020?

Von Alenka Mladina 10. Dezember 2019

Was tun, wenn der Abschwung kommt? Darauf brauchen Entscheider gerade jetzt eine gute Antwort. Doch brummen die Geschäfte, spielt eine Strategie für schlechtere Zeiten oft keine Rolle. Das kann gefährlich werden. Deshalb empfehlen die Berater von Protiviti frühes Handeln – bevor die Konjunktur lahmt. 

Starke Abkühlung oder Rezessionsrisiko? Wo die deutsche Wirtschaft aktuell steht

Der deutschen Wirtschaft geht es seit Jahren prächtig. Aber wie lange hängt die konjunkturelle Hochphase noch an? Der Sachverständigenrat geht in der Konjunkturprognose am 14.11.2019 nicht von einer Rezession aus, stellt aber fest: „Das Rezessionsrisiko bleibt jedoch erhöht.“  

Brexit, Handelszölle, politische Krisen und weitere ungünstige, weltpolitische Entwicklungen beunruhigen die Führungsetagen von großen, international agierenden Konzernen. Kleinere Unternehmen sorgen sich um den hiesigen Fachkräftemangel und eine schwächelnde Inlandsnachfrage.

Die Befürchtungen sind nicht aus der Luft gegriffen. „Eine schwierige Auftragslage, hohe Unsicherheit und fehlende Impulse aus dem Außenhandel dämpfen die Aussichten für das kommende Jahr.“ heißt es in einem weiteren Statement des Sachverständigenrates. Dennoch, das Bruttoinlandsprodukt legt Ende Q3 2019 überraschend um 0,1 % zum Vorquartal zu, teilt etwa das Statistische Bundesamt ebenfalls am 14.11.2019 mit. 

Somit geht es, allen Unkenrufen zum Trotz, vielen Unternehmen weiterhin gut. Deshalb sind sie noch in einer starken Position, um sich gut für schlechtere Zeiten zu wappnen. So sehen es die Experten der global tätigen Beratungsgesellschaft Protiviti, einer Tochtergesellschaft von Robert Half International.

Was Entscheider jetzt tun können, erklären Managing Director Matthias Heintke und Director Erwin de Man im Interview. Beide sind bei Protiviti verantwortlich für Business Performance Improvement.

Stellen auch Sie Anzeichen für eine schwächere Konjunktur in Deutschland fest?

Matthias Heintke: Ja, zum Beispiel, wenn wir mit unseren Kunden über deren Budgetplanung für das kommende Jahr sprechen. Da spüren wir über alle Branchen und Größenordnungen eine gewisse Zurückhaltung bei den Investitionen. Generell spüren wir bei den Entscheidern eine Art Grundunsicherheit hinsichtlich der konjunkturellen Entwicklung. Dazu tragen beispielsweise Themen wie Negativzins,Blasen bei Aktien- und Immobilienmärkten und natürlich die massiven Umwälzungen in deutschen Kernbranchen wie Automobilbau bei. 

Erwin de Man: Stimmt, deshalb trüben sich die Erwartungen insgesamt ein. Langsam, aber sicher. Das mag daran liegen, dass der Abschwung nicht so rasant kommt wie jener von 2007 bis 2009. Der Abwärtstrend scheint ein eher schleichender Prozess zu sein. Immerhin sind die Unternehmen jetzt besser aufgestellt als bei der großen globalen Krise vor gut zehn Jahren. Ihre Eigenkapitalquote ist im Schnitt höher, ihre Barreserven ebenfalls und ihre Verbindlichkeiten sind geringer. Offenbar haben Sie aus der vorherigen Rezession in Deutschland und darüber hinaus gelernt.

Das klingt doch erst einmal gar nicht so schlecht.

Matthias Heintke: Es ist auf jeden Fall ein guter Ansatz. Doch es wird nicht ausreichen, um sich auf den Abschwung vorzubereiten. Dazu sind weitere Maßnahmen erforderlich, die Entscheider so früh wie möglich ergreifen sollten. Am besten jetzt. Denn noch befinden sich viele Unternehmen in einer starken Position. Da können sie naturgemäß besser agieren als unter dem Druck akuter wirtschaftlicher Zwänge.

Welchen Rat haben Sie also?

Matthias Heintke: Die eine universelle Lösung, den großen Wurf gibt es nicht. Stattdessen halten wir ein schrittweises Vorgehen für zielführend. Wir sehen da vor allem vier Aktionsfelder

1.    Unmittelbare Margenoptimierung durch Kostensenkung und beispielsweise Prozessautomatisierung
2.    Optimierung der Finanzstruktur
3.    Umstellung des Personalwesens und
4.    Überprüfung der Strategie.

Hier gilt es anzusetzen und dafür bieten sich diverse Handlungsmöglichkeiten an. 

Sind das nicht Bereiche, die Unternehmen ohnehin immer im Blick haben sollten? 

Matthias Heintke: Sie sind jedenfalls der Kern guten unternehmerischen Handelns – und damit eigentlich unabhängig von Aufschwung oder Abschwung.

Doch besonders, wenn die Geschäfte gut laufen, rücken diese klassischen Tugenden leicht aus dem Fokus. Stattdessen geraten andere Prioritäten in den Blick, beispielsweise die Wachstumsmöglichkeiten einzelner Segmente. Für das große Ganze bleibt dann oft wenig Zeit.

Was also können Unternehmer tun?

Matthias Heintke: Zunächst brauchen Sie eine mittelfristige Strategie mit einem klaren Ziel. Daran müssen sich die Maßnahmen der Restrukturierung während der Abschwungphase orientieren. Dafür ist permanentes, strategisches Feintuning erforderlich. Außerdem ist die Kostenseite genau zu betrachten. Dazu verhilft eine detaillierte Analyse der Prozesslandschaft. Sie ermöglicht es, Margenverluste zu orten und Ressourcen in der Wertschöpfungskette und im Betriebsmitteleinsatz bestmöglich einzusetzen.

Flankierend sollten Unternehmen ihre Finanz- und Unternehmensstruktur überprüfen. Da geht es etwa um die Absicherung der kurzfristigen Liquidität und des langfristigen Mittelbedarfs aber auch um mögliche Verkäufe unrentabler Bereiche. Auch inwieweit staatliche Fördermittel und Finanzierungsinstrumente in Zeiten der Krise genutzt werden können, sollte sondiert werden.

Eine wichtige Rolle im vorausschauenden Krisenmanagement hat auch das Personalwesen. Das muss möglichst flexibel aufgestellt sein. Zu wichtigen Faktoren zählen zum Beispiel Interim Management, Freelancer, Arbeitnehmerüberlassung oder auch Outsourcing ganzer Aktivitätenblöcke. 

Warum passiert das nicht? Mangelt es an internem Know how?

Matthias Heintke: Das eher nicht. Das grundlegende Wissen ist in den Unternehmen durchaus vorhanden. Wie schon gesagt: Es geht um ganz normale geschäftliche Vorgänge. Das Problem ist nur, dass sie während einer Hochphase in den Hintergrund geraten und im Abschwung nur schwer in den Griff zu bekommen sind.

Oft fehlen dafür einfach die Kapazitäten oder methodische Kompetenzen. Ich stelle fest, dass die erforderlichen Kenntnisse vorhanden, aber auf verschiedene Schultern und Bereiche verteilt sind. Und niemand führt sie zusammen. Außerdem sind manche Entscheidungen wenig populär. Und das nicht nur innerhalb der Belegschaft, sondern auch auf Führungsebene. Deshalb werden sie nur zögerlich oder nicht konsequent getroffen.

Unserer Erfahrung nach ist das zum Beispiel beim Thema Automatisierung der Fall. Da steht schnell das Bild vom job-vernichtenden Roboter im Raum. Dabei geht es bei der Automatisierung vor allem darum, einfache, wiederkehrende und gleichartige Prozesse von Software ausführen zu lassen. Das Ziel ist nämlich nicht zwangsläufig, Arbeitsplätze abzubauen. Stattdessen unterstützt Automatisierung Unternehmen dabei, die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter optimal einzusetzen.

Das ist besonders wichtig im sogenannten War for Talents. Da ergibt Stellenabbau kaum Sinn. Besser: Fachkräfte müssen sich auf Fachtätigkeiten konzentrieren. Warum sollten hochqualifizierte Finanzkräfte immer wieder handgefertigte Berichte erstellen? Dafür lassen sich Programme oder alternativ kaufmännische Zeitarbeitskräfte einsetzen. Das verschafft wertvollen Experten mehr kreativen Freiraum – Zeit, die sie zur Entwicklung von Lösungen für drängende Fragen nutzen können. Personaldienstleister wie Robert Half können helfen, eine variable Personaldecke zu stricken, mit der Unternehmen schnell auf konjunkturelle Entwicklungen reagieren können.

Und was können Berater wie Protiviti dabei besser als die Unternehmen selbst?

Erwin de Man: Externe Berater sind wie Coaches. Sie haben einen gewissen Abstand zu den Dingen in einem Unternehmen, den direkt Beteiligte nicht immer besitzen. Berater sind nämlich nicht in den operativen Alltag eingebunden. Das ist sehr hilfreich, weil sie schneller eingefahrene Strukturen aufspüren, Entwicklungen erkennen sowie innovative Ideen mitbringen. So treiben sie das Change-Management in die richtige Richtung an.

Matthias Heintke: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Berater können unbelastet Aktionen sauber mit dem Unternehmen priorisieren, strukturieren und die richtigen Maßnahmen umsetzen. Unterm Strich gestalten externe Berater kosteneffektive Lösungen. Sie sorgen für schnellere, bessere und permanent ablaufende Prozesse. Und zwar unabhängig davon, ob im Unternehmen entsprechendes Know-how vorhanden ist.

Erwin de Man: Dabei setzen wir auch unterstützende Software ein. Sie begleitet Abläufe und macht sie transparent. So lassen sich Optimierungsmöglichkeiten aufdecken und nutzen. Auch über die Analysephase während eines Abschwungs hinaus. Unsere Technologielösungen können Unternehmensprozesse kontinuierlich auf Kurs halten.

Durchdacht und konsequent umgesetzt zeigen die genannten Maßnahmen eine messbare Wirkung. Die Erfahrungen und Statistiken aus der letzten Krise zeigen: Unternehmen, die im Abschwung konsequent auf Strategieumsetzung, neue Technologien, Kostenkontrolle und effizienten Personaleinsatz geachtet hatten, kamen stärker aus der Krise als ihre Mitbewerber. Die Firmen haben es also in der Hand!
 

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