Ist Ihre Gehaltsvorstellung vielleicht überzogen?

Von Christina Holl 30. Oktober 2014

Die Konjunktur ist gut: Fachkräfte im Finanz- und Rechnungswesen, IT–Bereich sowie in Assistenz- und kaufmännischen Berufen sind sehr gefragt. Die aktuell hohe Nachfrage steigert verständlicherweise auch die Gehaltsvorstellung vieler Bewerber. Leider fordert jeder Dritte zu viel und riskiert, im Entscheidungsprozess schnell ausgeschlossen zu werden. Nur: Welche Gehaltserwartung ist angemessen?

Wer mit seiner Gehaltsvorstellung zu hoch pokert, bremst seine Karriere

Läuft es bei Unternehmen gut, wollen die Mitarbeiter ein Stück vom Erfolgskuchen abhaben. Das finde ich auch richtig so. Manche Bewerber schießen allerdings mit ihrer Gehaltsforderung über das Ziel hinaus, wie die Robert-Half-Gehaltsübersicht 2015 zeigt: Fast ein Drittel der Bewerber fordert aus Sicht von HR-Managern mehr als auf dem Markt üblich ist. Schlimmstenfalls wird die Bewerbung so frühzeitig aussortiert.

Führen Sie daher vor dem Vorstellungsgespräch unbedingt einen Gehaltsvergleich durch. Dieser hilft Ihnen bei der realistischen Einschätzung, was Sie angeben können. Denn selbst wenn Sie sich im Laufe der Verhandlung einigen, wird der neue Chef stets befürchten: „Wir haben zwar einen Kompromiss gefunden, aber sobald ihm jemand mehr Gehalt bietet, ist er weg.“

Das kann so weit gehen, dass Sie für mehr Verantwortung oder strategisch wichtige Projekte nicht in Betracht gezogen werden. Ihr Karriereturbo läuft dann erst einmal auf Sparflamme. Nehmen wir an, Sie haben sich Gehaltsübersichten besorgt oder Online-Gehaltsvergleiche durchgeführt. Sie wissen jetzt, wo die Gehälter von Personen in ähnlichen Positionen und Branchen in etwa liegen.

Ganz wichtig ist es im nächsten Schritt, dass Sie für sich noch die folgenden zwei Fragen beantworten:

1. Entspricht meine Gehaltsvorstellung der Tätigkeit?

Viele Bewerber erwarten mit einem Jobwechsel auch eine Gehaltserhöhung. Meist schlagen sie 10 % auf das derzeitige Gehalt auf und fordern noch ein paar Prozent extra, um einen Verhandlungsspielraum zu haben. Ich kann verstehen, dass ein Jobwechsel mit gewissen Unsicherheiten verbunden ist, die man durch einen finanziellen Aufstieg kompensieren will.

Aber ich finde auch, dass die Gehaltsvorstellung dem Job angemessen sein muss. Sie sollten sich fragen, ob der neue Job größere Herausforderungen an Sie stellt als der alte. Haben Sie jetzt zusätzliche Führungsverantwortung? Oder vielleicht sogar weniger? Seien Sie realistisch. Wenn Sie sich beim Grundgehalt nicht einigen können, sind erfolgsabhängige Boni eine Alternative.

2. Hat die Stelle Vorteile, die sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen?

Meines Erachtens lohnt es sich zuweilen, die Gehaltserwartung nach unten zu korrigieren. Ein zufriedenstellendes Gehalt ist zwar sehr wichtig, aber nicht alles. In erster Linie muss Ihnen die neue Tätigkeit zusagen. Bietet der neue Job Aufgabenbereiche, die Sie schon immer interessiert haben? Oder können Sie wichtige Erfahrungen sammeln, die für Ihre Karriereziele unabdingbar sind? Viele Stellen sind durch ein motivierendes Umfeld attraktiv, beispielsweise weil der Umgang unter den Kollegen freundlich ist, flache Hierarchie bestehen, das Weiterbildungsangebot groß ist oder Sie stets mit den neuesten technischen Geräten arbeiten.

Prüfen Sie auch, ob der neue Arbeitgeber flexible Arbeitszeitmodelle bietet, die Ihrer Lebensplanung entgegen kommen: Für Eltern sind beispielsweise Teilzeitmodelle attraktiv. Außerdem bieten immer mehr Unternehmen Vaterschaftsurlaub, der sogar über die gesetzlichen Vorgaben hinausgeht. Möchten Sie den Umzug für eine neue Stelle vermeiden oder gern dorthin ziehen, wo Ihr Partner wohnt, sind Home-Office-Möglichkeiten sicherlich interessant für Sie.

Die beliebtesten Zusatzleistungen zeigt das Schaubild: © Robert Half

Wägen Sie all diese Vorteile genau ab, wenn Sie über Ihre Gehaltsvorstellung nachdenken. Das Gehalt muss zwar stimmen. Es ist aus meiner Erfahrung aber nicht das, was einen Job langfristig interessant macht.

Haben Sie schon einmal einen Job angenommen, bei dem Sie Ihre Gehaltsvorstellung nach unten geschraubt haben? Was war der Grund dafür und würden Sie sich wieder so entscheiden?

 

Bildquelle: © Robert Half & © alphaspirit - Fotolia.com

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