Initiativbewerbung: Erster Schritt zum Traumjob oder eher vergebene Liebesmüh?

Von Christina Holl on 22. September 2020

Viele Jobsuchende schwören auf Initiativbewerbungen. Sie sehen darin eine einmalige Chance, sich außer Konkurrenz ins Spiel zu bringen. Weniger optimistische Naturen halten sowas für reine Zeitverschwendung. Doch wie finden das die Personaler? Berücksichtigen Sie Initiativbewerbungen tatsächlich? Oder sind sie eher genervt von unaufgefordert eingesandten Unterlagen?

Wir haben uns mit jemandem unterhalten, der es wissen muss: Adrian Kandel, Vice President Temporary Services DACH bei Robert Half in München, hat langjährige Erfahrung im Personalwesen und weiß, wie Recruiter ticken.

In diesem Artikel lesen Sie:

Adrian, die Wahrheit bitte: “Och nö, nicht schon wieder!” oder “Oh, spannend!” – was ist der erste Gedanke eines Personalers, wenn eine Initiativbewerbung in seinem Posteingang aufpoppt?

Lächelnder Geschäftsmann mit Brille

 

Adrian Kandel: Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Bei der Initiativbewerbung sind nämlich nicht nur Bewerber in zwei Lager gespalten, auch unter Personalern scheiden sich bei dem Thema die Geister. Ohne viele motivierte Jobsuchende desillusionieren zu wollen:

In manchen Personalabteilungen sorgen Initiativbewerbungen tatsächlich für genervtes Stöhnen und gelten als lästige Mehrarbeit.

Aber – und das ist ein ganz großes “Aber” – es gibt auch viele Personalverantwortliche, die positiv auf vorpreschende Kandidaten reagieren. Manche Unternehmen setzen sogar ausdrücklich auf Initiativbewerbungen und schreiben daher ganz bewusst wenig Stellen aus.

Eine Studie des Branchenmagazins “Personalwirtschaft” kam zwar vor einigen Jahren zu dem Schluss, dass ein Viertel der Personaler von Initiativbewerbungen prinzipiell genervt ist und gut darauf verzichten könnte. Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass drei von vier HRlern unaufgefordert eingesandte Unterlagen gut finden. Meiner Einschätzung nach haben viele eine ambivalente Einstellung dazu, lehnen sie aber nicht kategorisch ab.

Interessant. Und kann ich irgendwie erkennen, wie meine Chancen bei einem Unternehmen stehen?

Adrian Kandel: Generell kann man sagen, dass kleine und mittlere Betriebe Initiativbewerbungen gegenüber aufgeschlossener sind als die Personalabteilungen der großen Konzerne, die ohnehin mit Bewerbungen überhäuft werden. Manche Großunternehmen sind da sehr konsequent und sichten Unterlagen ohne Stellenbezug gar nicht erst.

Die erwähnte Studie hat auch gezeigt: In Firmen mit weniger als 500 Mitarbeitern freut sich sogar jeder zweite Personaler, wenn ein interessanter Kandidat aktiv wird. Die Unternehmensgröße ist also schon mal ein guter Ansatzpunkt für Bewerber. Ein ganz klares Indiz, dass sich die Mühe einer Initiativbewerbung lohnt, kann auch der Karrierebereich der Firmenwebsite geben. Manche Unternehmen fordern Interessenten dort inzwischen sogar auf, sich initiativ zu bewerben, wenn sie keine offene Stelle gefunden haben.

Und jetzt mal die Karten auf den Tisch, Adrian! Was hältst du persönlich von Initiativbewerbungen?

Adrian Kandel: Finde ich gut! Aber das war doch eigentlich klar, oder? Als Personalvermittler ticken wir ja etwas anders als die Personalabteilungen von Unternehmen. Wir freuen uns grundsätzlich über qualifizierte Fachkräfte, die uns ihre Unterlagen schicken, auch ohne Bezug auf eine Stellenausschreibung. Es ist schließlich unser Job, Unternehmen und Jobsuchende zusammenzubringen. Deshalb haben Initiativbewerbungen für uns natürlich eine große Bedeutung.

Aus diesem Grund machen wir es Jobsuchenden leicht: Sie brauchen einfach nur ihren Lebenslauf hochzuladen. Anschließend melden wir uns bei ihnen.

Lebenslauf hochladen

Aber auch wenn ich mal die Brille eines Personalverantwortlichen im Unternehmen aufsetze, bin ich ganz eindeutig für Initiativbewerbungen. Denn eine Bewerbung ohne Stellenausschreibung kann immer eine echte Chance sein. Und zwar für beide Seiten – für den Bewerber springt vielleicht ein Job raus, der Personaler kann möglicherweise ohne großen Aufwand eine Stelle besetzen.

Chance ist ein gutes Stichwort: Wie stehen denn jetzt die Chancen, mit einer Initiativbewerbung Erfolg zu haben?

Adrian Kandel: Ich habe mal gelesen, dass die Erfolgsquote für die Einstellung nach einer Initiativbewerbung bei rund 33 % liegt. Und ein weiteres Fünftel wird zu einem späteren Zeitpunkt berücksichtigt, wenn es passende Vakanzen gibt. Aber allgemeingültig lässt sich die Frage kaum beantworten. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Wie ich schon sagte, lehnen manche Unternehmen aus Prinzip unaufgefordert eingesandte Unterlagen ab. Ansonsten kommt es auch darauf an, wie gut sie gemacht sind. Meine Erfahrung zeigt: Leider hinterlassen viele Initiativbewerbungen nicht immer den besten Eindruck. Viele Jobsuchende verschicken einfach ein und dieselbe Bewerbung auf gut Glück an mehrere Unternehmen. Das sind dann eher Blindbewerbungen als Initiativbewerbungen. Die Chancen, damit zu punkten, sind gering.

Wie sieht denn eine gute, aussichtsreiche Initiativbewerbung aus?

Adrian Kandel: Im Idealfall bietet der Bewerber dem Personaler genau das, was er gerade braucht – oder sogar, bevor er es braucht. Das ist gar nicht so unmöglich, wie es vielleicht klingt. Viele Stellen werden besetzt, bevor sie überhaupt ausgeschrieben werden. Hier kommt es auf das Timing an.

Und dafür brauchen Bewerber einen Informationsvorsprung. Zum Beispiel, weil sie über persönliche Kontakte erfahren, dass ein Mitarbeiter auf einer spannenden Position den Wunscharbeitgeber verlässt. Oder sie hören von einem neuen Großauftrag für das Unternehmen, das deshalb mehr Personal braucht.

Und wenn ich solche Infos nicht habe?

Adrian Kandel: Dann sollten Sie dem Empfänger im Bewerbungsschreiben zeigen, was er an Ihnen als Mitarbeiter hat. Da ist geschicktes Selbstmarketing gefragt.

Als Bewerber müssen Sie Ihrem Traum-Arbeitgeber etwas bieten. Zum Beispiel, indem Sie seine Kompetenzlücken sinnvoll füllen. Angenommen, die Pressemitteilungen der Firma strotzen vor Fehlern und sind auch inhaltlich wenig überzeugend. Dann besteht womöglich Bedarf an einer PR-Fachkraft. Vielleicht haben Sie weitreichende Kontakte zu wichtigen Playern in der Branche oder kennen womöglich direkte Wettbewerber von innen.

Zum Abschluss: 3 konkrete Tipps für alle, die sich initiativ bewerben wollen

  1. Machen Sie Ihre Hausaufgaben! Grundregel Nummer 1: Sammeln Sie so viele Informationen wie möglich und richten Sie Ihre Bewerbung darauf aus. Wie offen ist das Unternehmen für Initiativbewerbungen? Welche Entwicklungen stehen an? Welche Baustellen gibt es?
  2. Nehmen Sie die Perspektive der Personaler ein: Viele Bewerber neigen dazu, sich ihrem Wunscharbeitgeber übertrieben ausführlich zu präsentieren. Sie beschreiben ellenlang, warum sie ihn so toll finden und unbedingt nur bei ihm arbeiten möchten. Natürlich sollten Sie dem Empfänger gegenüber Motivation beweisen. Doch wichtiger ist es, ihm zu zeigen, was er konkret von Ihrem Einsatzwillen hat.
  3. Trauen Sie sich einfach! Was soll schon passieren? Sie erhalten keine Antwort oder nur eine automatisierte Absage. Nicht schön, aber kein Drama. Aber: Ihre Initiativbewerbung hätte auch zum Traumjob führen können, und das wäre den Aufwand dann doch wert gewesen.

Weitere interessante Infos rund um das Thema Karriere gefällig? Abonnieren Sie unseren Newsletter:

Gleich zum Newsletter von Robert Half anmelden

Bildquelle: © isaacbenhesed - unsplash.com

Hide Breadcrumb
Off
Hide Title
Off