“Ein (Job-)Angebot, das Sie nicht ablehnen können” – Wirklich nicht?

Von Christina Holl on 18. Oktober 2021
Geschätzte Lesedauer: 6 Minuten

“Spannende Karriereoption für Sie”, “Neue Herausforderung im Controlling” …. der Posteingang bei Business-Netzwerken wie Xing und LinkedIn taugt bei manchen Fachkräften auch als Gradmesser für die Lage am Arbeitsmarkt. In Phasen des Aufschwungs greifen manche Unternehmen tief in die Tasche, um Mitarbeiter*innen zu gewinnen. Sie locken nicht nur mit interessanten Jobbeschreibungen, sondern bieten auch direkt ein überdurchschnittliches Gehalt. Eigentlich ein guter Grund für einen Jobwechsel, denken Sie? Nicht unbedingt!

Jobwechsel wegen Geld – legitim, aber auch riskant

Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt: Inzwischen sind es in vielen Branchen nicht mehr die Arbeitgeber, die sich die besten Bewerber*innen herauspicken können. Im Gegenteil: Firmen müssen qualifizierte Arbeitskräfte überzeugen, für sie zu arbeiten. Denn die sind so begehrt, dass sie häufig die Wahl haben, für wen sie arbeiten wollen

Um gute Leute für sich zu gewinnen, greifen Unternehmen mitunter sehr tief in die Tasche. Kein sonderlich subtiles, aber oft ein wirksames Mittel. Zumindest kurzfristig. Denn wohl die wenigsten Arbeitnehmer*innen sind komplett immun gegen Angebote, die eine deutliche Gehaltssteigerung versprechen. Und es ist völlig legitim, angesichts besserer Verdienstmöglichkeiten zu einem anderen Arbeitgeber zu gehen. Wenn Sie sich allerdings ausschließlich des Geldes wegen zu einem Jobwechsel entschließen, kann das leicht nach hinten losgehen.

Warum wir uns durch ein hohes Gehalt verleiten lassen

“Bei dem Gehalt kann ich doch nicht absagen!” Das ist oft der erste Gedanke, wenn ein wirklich lukratives Jobangebot im Raum steht. Aber warum eigentlich nicht? Es ist schließlich nicht der “Pate” aus dem Mafia-Film, der vor uns steht und ein Nein nicht akzeptieren würde. Es gibt aber diverse Gründe, warum wir uns durch hohe Gehaltsangebote beeinflussen lassen – und manchmal auch die falsche Jobentscheidung dabei herauskommt.

  1. Booster fürs Ego: Es ist gar nicht unbedingt das Geld an sich, sondern die Implikation, die damit einhergeht. Wir fühlen uns durch solche Angebote geschmeichelt. Da ist ein Unternehmen, das Sie für so kompetent hält, dass es einen derart hohen Preis für Ihre Arbeitskraft zahlen möchte. Man traut Ihnen offenbar einiges zu. Wenn es zudem im aktuellen Job auch noch an Wertschätzung fehlt, hat der potenzielle neue Arbeitgeber Sie womöglich schon fast am Haken.  
  2. Allgemeine Erwartungen: Wir alle haben bestimmten Wertesysteme verinnerlicht, die unser Denken und Handeln bestimmen. Dazu gehört häufig auch, dass sich Undankbarkeit nicht schickt. Deshalb wäre es vermessen, ein solches Angebot abzulehnen. Hinzu kommen möglicherweise Erwartungen Ihres Umfeldes. Für Partner*in, Familie und Freund*innen ist womöglich schwer nachvollziehbar, dass Ihnen ein gut bezahlter Job auf dem Silbertablett serviert wird und Sie nicht zugreifen. 
  3. Falsche Vorstellungen: Wenn ein Arbeitgeber seine Mitarbeitenden so gut bezahlt, sind die sonstigen Arbeitsbedingungen dort sicherlich auch bestens. Der Gedanke ist naheliegend, muss aber nicht unbedingt stimmen. Nicht auszuschließen, dass sogar genau das Gegenteil der Fall ist: Dem Unternehmen gelingt es nur durch ein überdurchschnittliches Gehalt, Mitarbeiter*innen für sich zu gewinnen und zu halten.

Geld ist nicht alles – aber was ist wirklich wichtig?

All diese möglichen Beweggründe sollten Sie kritisch prüfen, damit sich ein lukrativer neuer Job nicht bald als falsche Entscheidung herausstellt. Natürlich ist das Gehalt ein zentraler Faktor im Beruf. Aber eben auch nur einer unter mehreren. Der Betrag, den der Arbeitgeber Monat für Monat überweist, sollte natürlich so hoch ausfallen, dass Sie sich keine größeren finanziellen Sorgen machen müssen. Vorausgesetzt, das ist gegeben, fragen Sie sich: 

  • Würde mehr Geld Sie tatsächlich glücklicher und machen? 
  • Würde ein höheres Gehalt dafür sorgen, dass Sie mehr Spaß an der Arbeit hätten?

Oder wären Sie vielleicht doch zufriedener, wenn Sie einfach mehr Zeit für sich oder ihre Familie hätten? Würden Sie morgens motivierter ins Büro fahren, wenn sie sich auf die Kolleg*innen freuen oder wüssten, dass eine spannende Aufgabe ansteht?

Sie sehen bereits, worauf die Sache hinausläuft: Wichtig für Ihre persönliche Karriereplanung und die richtigen beruflichen Entscheidungen ist vor allem, dass Sie wissen, worauf es Ihnen im Job ankommt. Diese Fragen können helfen, das herauszufinden:

  • Welche Aufgaben gefallen Ihnen in Ihrem Beruf am besten, welche liegen Ihnen weniger? Macht es Ihnen Spaß, Mitarbeiter*innen zu führen, oder ist das für Sie eher ein notwendiges Übel, das sich ab einer gewissen Karrierestufe kaum vermeiden lässt?
  • Geben Ihnen klare Strukturen und Vorgaben Sicherheit oder genießen sie es, einen großen Gestaltungsspielraum mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen zu haben?
  • Wo möchten Sie arbeiten? Im Büro, remote, eine Kombination aus beiden? Macht es Ihnen Spaß, beruflich viel unterwegs zu sein und neue Orte kennenzulernen? 
  • Wie sehen Ihre idealen Arbeitszeiten aus? Möchten Sie flexibel arbeiten können oder sind Ihnen verlässliche, fixe Zeiten wichtig?
  • Wie sieht Ihr idealer Kolleg*innenkreis aus? Jung und hip? Ein diverses Team mit unterschiedlichsten Charakteren? Eher ein wenig gesetzter?
  • Wie wichtig ist es Ihnen, sich beruflich weiterentwickeln und Neues lernen zu können?
  • Welche Art von Unternehmen passt zu Ihnen? Überschaubares Kleinunternehmen, wo jede*r weiß, was der oder die andere macht? Oder lieber etwas größer mit vielen interessanten Kolleg*innen und mehr Möglichkeiten?
  • Was ist Ihnen bei der Unternehmenskultur wichtig? Welche Werte sind Ihnen bei Ihrem Arbeitgeber wichtig? Welcher Führungsstil passt zu Ihnen?

Erstellen Sie eine Liste mit allen Rahmenbedingungen, die eine Stelle bieten müsste, um Ihr persönlicher Traumjob zu sein. Im zweiten Schritt bewerten und gewichten Sie diese Punkte. Machen Sie sich bewusst, welche Bedingungen für Sie tatsächlich unverzichtbar sind, um mit einem Job glücklich zu sein. Was dabei herauskommt, kann durchaus überraschend sein. Ein höheres Gehalt steht bei Arbeitnehmer*innen, die bereits einige Zeit im Berufsleben stehen und dementsprechend verdienen, nicht immer weit oben auf der Prioritätenliste. 

Hohes Gehalt kann zur Falle werden

Wenn die erste Begeisterung ob der Schmeichelei und vermeintlichen Wertschätzung durch das Angebot verflogen ist, sollten Sie deshalb noch einmal ganz genau hinsehen. Wie sieht es mit Ihren nicht verhandelbaren Rahmenbedingungen aus: Kann der potenzielle neue Arbeitgeber auch hier punkten? Wenn diese nicht erfüllt sind, kann das hohe Gehalt nämlich über kurz oder lang zu einem Schmerzensgeld werden. 

Ein Beispiel: Auf Ihrer Liste war selbstbestimmtes Arbeiten mit weitreichenden Entscheidungsbefugnissen eine Top-Priorität. Außerdem war es Ihnen wegen Ihrer Fernbeziehung wichtig, auch remote arbeiten zu können. Und jetzt müssen Sie permanent Freigaben Ihrer Vorgesetzten einholen und arbeiten in einem Unternehmen, das seinen Angestellten pro Monat maximal zwei Tage Home-Office gewährt. Wenig überraschend, dass Sie früher oder später frustriert sind. Auch wenn Sie für wenig Verantwortung und Flexibilität sehr viel Geld bekommen. 

Fatal dabei: Ein hohes Gehalt kann es schwerer machen, die Reißleine zu ziehen. Zum einen, weil ein Jobwechsel in solchen Fällen ein finanzieller Rückschritt sein kann, den wohl niemand gerne macht. Das kann wiederum dazu führen, dass sich Betroffene ihren frustrierenden Job durch die gute Bezahlung schönfärben. Die Gefahr ist groß, dass sie dabei in eine Spirale aus Resignation und lähmender Passivität geraten. Und hat man erst einmal eine solche Opfereinstellung angenommen, wird es schwer, die Energie aufzubringen, um Veränderungen anzustoßen

Die Rahmenbedingungen passen, aber passt auch die Bezahlung? Mit unserer aktuellen Gehaltsübersicht finden Sie heraus, was Unternehmen im Finanz-, IT- und kaufmännischen Bereich ihren Mitarbeiter*innen zahlen.

Bildquelle: © Roman Synkevych - Unsplash.com


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