Die Personalvermittlung der Zukunft - Unbegrenzte Möglichkeiten oder Bedeutungsverlust?

Von Sven Hennige 6. Juni 2018

Passendes Personal per Knopfdruck: So mancher verspricht sich von der Digitalisierung die ultimative Lösung aller Personalprobleme. Recruiting-Spezialisten selbst sind hoffnungsvoll und skeptisch zugleich. Welche Zukunft hat die Personalvermittlung, so wie sie heute existiert? 

Entscheiden bald nur noch Algorithmen über Bewerber und Jobs?

Man kann Erfolg als die Summe vieler richtiger Entscheidungen verstehen. Wer diese Perspektive vertritt, hegt in der Regel große Erwartungen an die digitalisierte und vor allem an die automatisierte Zukunft: Lernende Algorithmen werden aus gigantischen Datenmengen die entscheidenden Informationen herausfiltern und die richtigen Schlüsse aus ihnen ziehen – so jedenfalls die Prognose.

Diese Erwartung gibt es natürlich auch für die Personalvermittlung, in der Wissen über Stellen, Kandidaten und deren richtige Kombination über Erfolg und Misserfolg entscheiden. 

Unter uns Personalvermittlern beobachte ich zwei Haltungen gegenüber der digitalen Transformation: Einerseits spüre ich Euphorie über die scheinbar grenzenlosen Chancen, die sich aus der Digitalisierung ergeben. Geschwärmt wird zum Beispiel über den Zugriff auf unzählige Profile von Arbeitnehmern. Oder über komplexe Analysesysteme, die Fähigkeiten und Stellenanforderungen, Persönlichkeitsmerkmale und Unternehmenskultur miteinander abstimmen.

Andererseits herrscht Furcht davor, dass wir bald durch eine Art Dating-App oder eine hochintelligente Software abgelöst werden, die uns die Arbeit ab- und wegnehmen wird. Denn wenn der Rechner mehr weiß und besser entscheiden kann – braucht es uns Personalvermittler dann noch? 

Digitales Recruiting hat enormes Potenzial 

Die Euphorie ist angesichts der weltweiten Wirtschaftsentwicklung nicht unbegründet. Dies liegt zum einen daran, dass das Recruiting weiter an Bedeutung gewinnt: Berufe diversifizieren sich immer stärker, jedes einzelne Fachgebiet gliedert sich nach kurzer Zeit in Unterkategorien und die Stellenanforderungen werden zunehmend spezifischer.

Zum anderen sorgt der Fachkräfte- und Kompetenzmangel beispielsweise bei digitalen Skills dafür, dass es immer schwieriger wird, den passenden Kandidaten auch zu überzeugen, wenn er denn gefunden wurde. 

Deshalb wächst der Personalmarkt kontinuierlich. Für das Jahr 2021 werden laut Statista allein in Deutschland fast 40 Milliarden Euro Umsatz erwartet. Es verwundert daher nicht, dass sowohl kleine Start-Ups, aber auch etablierte Personalvermittler und große Technologiefirmen viele Millionen Euro investieren, um mit technologischen Innovationen Lösungen und Geschäftsmodelle für den Arbeitsmarkt der Zukunft zu entwickeln. 

Personalarbeit ist ein "People Business" und wird es auch weiterhin bleiben

Zweifelsohne haben technische Innovationen auch im Personal- und Recruiting-Bereich ein enormes Potenzial. Sie werden die Identifikation, das Anwerben und die Evaluation von Talenten beschleunigen, effizienter gestalten und hoffentlich sogar inhaltlich verbessern.

Sven Hennige

Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass digitale Lösungen nicht den Menschen als Personaler und Recruiter ersetzen und überflüssig machen werden.

Denn der Mittelpunkt von Personalarbeit ist ein Mitarbeiter. Und damit ein Mensch, dem bei bedeutsamen Themen und Fragen ein emotionaler Austausch mit einem menschlichen, verstehenden und einfühlsamen Gegenüber sehr wichtig ist.

Hätten Sie als Personalverantwortlicher nicht große Bedenken, einen Kandidaten einzustellen, ohne jemals mit ihm gesprochen zu haben – bloß weil eine Software errechnet hat, dass er der bestmögliche Match für die offene Position ist?

Und würden Sie sich als Bewerber wohl dabei fühlen, eine Stelle anzunehmen, ohne Ihren zukünftigen Vorgesetzten und Ihre neuen Kollegen kennengelernt zu haben?

Recruiting-Entscheidung treffen letztendlich Menschen

Ich bin überzeugt, dass sich Firmen und Services für das Recruiting durchsetzen werden, die die emotionale Intelligenz des Menschen bestmöglich mit der rationalen Intelligenz von Algorithmen ergänzen.

Wie diese Zusammensetzung im Einzelnen ausgestaltet ist, wird immer stark vom Personalentscheider abhängen: Möchte dieser selbst eine Vorauswahl treffen und dann fünf Kandidatinnen und Kandidaten im Laufe eines Nachmittags kennen lernen? Oder soll der Personaldienstleister auf Basis eines konkreten Briefings mithilfe seines Algorithmus den Kandidaten auswählen, der dann für einen Tag zum Probearbeiten vorbeischaut?

Ich glaube daran, dass letztendlich immer ein Mensch die Recruiting-Entscheidung treffen wird. Und diese wird maßgeblich durch unseren Instinkt, unser Bauchgefühl bestimmt – eine Eigenschaft, die kein Algorithmus der Welt je bieten kann. 

Auch in Zukunft benötigen Unternehmen und Bewerber Personalberater

Deshalb bin ich überzeugt, dass es weiterhin Bedarf für menschliche Beratung beim Finden und Auswählen von Kandidaten geben wird – auch dann, wenn manche Unternehmen bei der Personalauswahl stärker auf Self-Service-Modelle zurückgreifen werden.

Denn bei der Auswahl von Kandidaten handelt es sich um emotionale Interaktionen zwischen Menschen, schließlich sind unsere Arbeit und unser Beruf sinnstiftend, erfüllen uns und bieten eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

Nicht umsonst gehören diese beiden Bereiche neben der Gesundheit und Familie zu den bedeutungsvollsten Lebensinhalten überhaupt. Und deshalb werden wir auch in Zukunft menschliche Recruiter brauchen – egal ob auf Unternehmens- oder Dienstleisterseite, die die passenden Arbeitnehmer und Arbeitgeber zueinander führen.  

Bildquelle: © Alex Knight - Unsplash.com

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