Die Bilanzbuchhalter-Prüfung: Warum sich die harte Arbeit lohnt

Von Alenka Mladina 28. Juli 2016

Unternehmen suchen händeringend nach Finanzexperten. 93 % der Personalentscheider wollen in diesem Jahr neue Mitarbeiter einstellen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Acht von zehn Vorgesetzten finden es schwierig, qualifizierte Fachkräfte zu finden.

Finanzexperten haben folglich sehr gute Karrierechancen. Besonders gefragt sind Spezialisten, die die Bilanzbuchhalter-Prüfung abgelegt haben. Doch nicht nur die Jobchancen sind mit dieser Qualifikation hervorragend.

Wer sich entscheidet, die Prüfung abzulegen, kann außerdem mit einem gewaltigen Gehaltssprung rechnen: Der durchschnittliche Einstiegsverdienst eines Debitoren- und Kreditorenbuchhalters liegt laut unserer Gehaltsübersicht bei 31.250 bis 35.750 Euro. Ein geprüfter Bilanzbuchhalter kann sich hingegen auf 44.000 bis 48.500 Euro freuen – in Ballungsgebieten wie München oder Frankfurt auf deutlich mehr.

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Sabine Grautstück, 53 Jahre, arbeitet seit 2000 als Bilanzbuchhalterin. Sie war bereits in den verschiedensten Branchen tätig – von der Medizintechnik über den Automotive- und Technologiebereich bis zur Halbleiterindustrie.

Die Unternehmen waren meist international aufgestellt mit Mutterkonzernen in den USA, Japan oder China. Seither hat sie diverse kaufmännische Abteilungen aufgebaut und geleitet.

Die erfahrene Bilanzbuchalterin erzählt uns im Interview, worauf man bei der Vorbereitung auf die Prüfung achten sollte und warum der Bilanzbuchhalter für einen großen Karrieresprung sorgen kann.

Frau Grautstück, Ihre berufliche Laufbahn ist beeindruckend. Dabei war Ihr Lebenslauf nicht von Beginn an auf Karriere ausgerichtet.

Sabine Grautstück: Keineswegs, ich bin eher eine Quereinsteigerin. Nach dem Abschluss der Handelsschule (Anm. d. Red.: entspricht in etwa dem Wirtschaftszweig der Fachoberschule) habe ich geheiratet und eine Familie gegründet.

Danach habe ich die Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert und verschiedene Bereiche in der Buchhaltung kennengelernt. Doch richtig begonnen hat meine Karriere erst mit dem Bilanzbuchhalter.

Warum haben Sie sich entschlossen, die Bilanzbuchhalterprüfung zu absolvieren?

Als meine Kinder etwas älter waren, wusste ich: Ich muss noch etwas anderes machen. Ohne den Bilanzbuchhalter hätte ich zwar weiterhin als Sachbearbeiterin arbeiten können. Aber für richtig anspruchsvolle Aufgaben hätte es nicht gereicht.

Deshalb habe ich im Jahr 2000 begonnen, mich auf die Bilanzbuchhalterprüfung vorzubereiten. Der berufliche Erfolg hat sich schnell eingestellt: Im selben Jahr wurde mir die erste Position als Teamleiterin angeboten – obwohl ich die Prüfung noch gar nicht absolviert hatte. Ich war für die Buchhaltung für Deutschland und die Schweiz verantwortlich.

Würden Sie den Bilanzbuchhalter auch anderen empfehlen?

Diese Qualifikation hilft auf jeden Fall, konkurrenzfähig zu bleiben. Mit dem Bilanzbuchhalter ist man gut für künftige Entwicklungen im Finance-Bereich gewappnet. Ich sehe im Berufsalltag, dass immer mehr Unternehmen auf ERP-Systeme umstellen, Prozesse zusammenlegen und Abläufe vereinfachen.

Dazu gehört auch die Buchhaltung. In modernen Programmen müssen Sie als Buchhalter nur noch Beträge in feste Masken eingeben. Wer aus der Masse herausstechen will, sollte sich deshalb auf Dinge konzentrieren, die nicht automatisierbar sind.

In den meisten Unternehmen wünscht sich die Geschäftsführung Buchhalter, die Ihnen wichtige Informationen für strategische Entscheidungen liefern. Ein Bilanzbuchhalter besitzt das nötige Know-how, um das zu tun.

Zudem steigt der Marktwert von Bilanzbuchhaltern mit deren Berufserfahrung – selbst bei einem Alter 50plus sind diese Experten sehr gefragt.

Zulassung zur Bilanzbuchhalter-Prüfung

Nur wer die Bilanzbuchhalterprüfung der Industrie- und Handelskammer besteht, darf den Titel “geprüfter Bilanzbuchhalter” tragen. Institutsinterne Prüfungen berechtigen dazu nicht, weil die Prüfungsinhalte nicht gesetzlich normiert sind.

Voraussetzung für die Zulassung:

  • kaufmännische Ausbildung plus drei Jahre Berufserfahrung
  • wirtschafts- oder betriebswirtschaftliches Studium plus zwei Jahre Berufserfahrung
  • ohne Ausbildung: sechs Jahre Berufspraxis

Die Bilanzbuchhalterprüfung gilt als große Herausforderung. Fiel Ihnen die Vorbereitung schwer?

Lernen war mir bis dato immer sehr leicht gefallen, aber die Bilanzbuchhalterprüfung ist schon sehr anspruchsvoll. Die Durchfallquote ist hoch.*

Für alle, die Bilanzbuchhalter werden möchten: Wie bereitet man sich richtig vor?

Sie brauchen in jedem Fall ein gutes Institut, das sie bei der Vorbereitung unterstützt. Sich das nötige Wissen selbstständig anzueignen ist fast unmöglich. Den Kursanbieter sollte man sehr sorgfältig auswählen. Manche Institute schalten zwar viel Werbung, haben aber schon länger keine Kurse mehr zusammengestellt.

Das heißt: Sie akquirieren das Lehrpersonal erst, sobald ein Kurs zusammenkommt. Solche Teams sind nicht eingespielt – und das merkt man. An einen solchen Weiterbildungsanbieter bin ich leider zuerst geraten. Man kann das nur vermeiden, indem man sich so viele Informationen über das Institut beschafft wie möglich. Sprechen Sie mit Absolventen, gehen Sie zu Informationsabenden.

Wie zeitaufwändig ist die Vorbereitung auf die Bilanzbuchhalter-Prüfung?

Es gibt verschiedene Modelle. Man kann sich in Voll- und Teilzeit, aber auch in Fernlehrgängen vorbereiten. Jeder sollte sich die Inhalte vorher anschauen und dann überlegen: Schaffe ich den Stoff in einem Jahr oder brauche dazu zwei.

Wie lange haben Sie sich auf die Prüfung vorbereitet?

Ich habe mich insgesamt drei Jahre vorbereitet. Das liegt allerdings zum einen daran, dass ich anfangs das falsche Institut gewählt hatte. Zum anderen war es als mit meinen familiären Verpflichtungen oft schwer, unter der Woche Zeit zum Lernen zu finden. Meist war das nur am Wochenende und im Urlaub möglich.

Haben Sie einen Lern-Tipp für die Bilanzbuchhalter-Prüfung?

Angehende Bilanzbuchhalter müssen priorisieren und brauchen auch eine gewisse Ausdauer. Nicht jedes Thema erfasst man beim ersten Mal – in meiner Lerngruppe gab es niemanden, der nicht zumindest ein Thema wiederholen musste.

Und auch nicht jede Prüfung klappt auf Anhieb. Deshalb ist der Bilanzbuchhalter auch so anerkannt: Wer die Prüfung bestanden hat, erwirbt nicht nur wertvolles Fachwissen. Er zeigt dem aktuellen, aber auch künftigen Arbeitgebern, dass er diszipliniert ist und Durchhaltevermögen hat.

Weiß man nach der Prüfung alles, was man wissen muss, um erfolgreich zu sein?

Man besitzt die Grundlagen und die Theorie. Allerdings ist der Bereich so breit angelegt, dass man sich auf dem neuesten Stand halten muss. Außerdem hat jede Branche ihre Besonderheiten, in die man sich einarbeiten muss. Ich finde das sehr spannend. Als Bilanzbuchhalter wird es niemals langweilig.

Ihr Fazit: Würden Sie die Bilanzbuchhalterprüfung wieder machen, wenn Sie heute die Chance hätten?

Natürlich. Es war die Basis für alles, was danach kam. Der Bilanzbuchhalter hat mir viele Türen geöffnet. Durch ihn hatte ich die Möglichkeit, Erfahrungen in den unterschiedlichsten Branchen zu sammeln, verschiedenste Teams kennenzulernen und zu leiten und diverse Abteilungen aufzubauen.

Neben den spannenden Aufgaben macht sich der Bilanzbuchhalter natürlich auch finanziell bemerkbar. Stünde ich heute vor der Wahl, würde ich mich wieder für die Prüfung entscheiden.

Vielen Dank Frau Grautstück, für das spannende Interview!

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*Anmerkung der Redaktion: Einen verlässlichen Überblick über die bundesweiten Bestehensquoten gibt es aktuell nicht. Sie weichen teilweise sehr stark voneinander ab: Während in Hamburg nur 20 % bestehen, sind es in Coburg fast 100 %.

 

Bildquelle: ©  saklakova / Fotolia.com

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