Auf der Suche nach der perfekten Arbeitszeit

Von Alenka Mladina 20. November 2015

Autor: Christian Umbs, Senior Director bei Robert Half

Wie sieht der ideale Arbeitstag aus? Dauert er sechs oder neun Stunden? Findet er zu Hause oder im Büro statt? Wer die besten Mitarbeiter gewinnen will, muss sich diese Fragen stellen. Wir versuchen das Unmögliche: Eine Antwort, die für alle passt.

Für Christian Meyer* sieht die optimale Arbeitswoche so aus: An zwei von fünf Tagen arbeitet der Familienvater von zu Hause aus. Dann holt der Controller seinen 4-jährigen Sohn mittags vom Kindergarten ab und geht mit ihm spazieren. Dafür arbeitet er später am Abend noch und im Schnitt gern ein paar Stunden länger pro Woche.

Das könnte sich Torben Hoffmann* nicht vorstellen. Er hat zwar auch Familie, aber zu Hause kann er sich schlecht konzentrieren. Außerdem vermisst er den direkten Austausch mit seinen Kollegen. Der Software-Entwickler hätte nichts dagegen, etwas weniger zu arbeiten als die bisherigen 40 Stunden. Allerdings würde er zusätzliche Urlaubstage gegenüber kürzerer Wochenarbeitszeiten bevorzugen.

Die beiden Beispiele aus der Vermittlungspraxis von Robert Half zeigen, wie vielfältig die Vorstellungen von einer perfekten Arbeitszeit- und Raumeinteilung sein können. Unternehmen, die in Zeiten rarer Fachkräfte, die besten Mitarbeitern gewinnen möchten, kommen mit Pauschallösungen nicht weit.

Politik und Verbände sprechen teils unterschiedliche Empfehlungen aus: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles fordert mehr Home-Office, Arbeitgeberverbände flexiblere Arbeitszeiten. Doch was überzeugt Bewerber und Mitarbeiter? Was motiviert und bringt die besten Leistungen – und hilft somit auch den Unternehmen?

Die aktuelle Blogparade von Xing Spielraum zum Thema Arbeitszeit nehme ich hier gern zum Anlass, um diese Frage zu beantworten.

Home-Office macht nicht jeden glücklich

Die fortschreitende Digitalisierung vereinfacht das Arbeiten von zu Hause. Bisher bietet jedes dritte Unternehmen in Deutschland seinen Mitarbeitern Home-Office an, so eine Studie im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums. Ministerin Nahles ist das zu wenig. Zurecht fordert Sie, mehr Unternehmen sollten ihren Mitarbeitern zumindest die Möglichkeit einräumen, zu Hause zu arbeiten.

Doch zum einen eignet sich Home-Office nicht für jede Tätigkeit gleichermaßen, noch macht es jeden Mitarbeiter zufrieden. Das zeigt eine aktuelle Studie an der Universität Stanford: Die renommierten Ökonomen Nicholas Bloom und John Roberts haben dabei mit Chinas größtem Reiseveranstalter Ctrip zusammengearbeitet.

Der bot 508 Call-Center-Mitarbeitern an in den kommenden neun Monaten vier von fünf Tagen von zu Hause aus zu arbeiten. 255 wollten das, davon wurde die Hälfte ausgewählt. Die andere Hälfte verblieb als Kontrollgruppe im Büro, um Leistungsunterschiede zu erfassen.

Das Ergebnis in wenigen Worten: Zwar stiegen Leistung und Netto-Arbeitszeit der Home-Office-Arbeiter an – aber nicht alle fühlten sich am heimischen Schreibtisch wohl. Nach Abschluss des Projekts wollte die Hälfte der Probanden wieder zurück ins Büro. Von der Kontrollgruppe wollten sogar drei Viertel lieber in der Firma arbeiten.

Nun unterscheidet sich der chinesische Arbeitsmarkt vom deutschen und Call-Center-Mitarbeiter sind eine spezielle Zielgruppe. Dieses Experiment unter realen Bedingungen zeigt jedoch, was unsere tägliche Erfahrung bestätigt: Es gibt keine Pauschallösung, die alle glücklich macht.

Teilzeitbeschäftige wollen länger arbeiten

Ähnlich steht es um die Frage nach der optimalen Arbeitszeit. In den letzten Wochen wurde die Debatte um angebliche Erfolgsmeldungen zum Sechs-Stunden-Tag in Schweden beeinflusst. Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt.

Eine australische Journalistin, die seit Jahren in Schweden lebt, schrieb: Die gefeierten Projekte seien oft über zehn Jahre alt und wurden teilweise wieder beendet. Obwohl Sie aufgrund ihres Berufs mit vielen Menschen in Kontakt komme, kenne Sie niemanden, der nur sechs Stunden am Tag arbeite. Das klingt nicht gerade nach einem Siegeszug dieses Arbeitszeitkonzepts.

Doch müssen Unternehmen die Arbeitszeiten überhaupt reduzieren, um Mitarbeiter und Bewerber zufriedenzustellen? Die Antwort lautet Jain. Tatsächlich möchten viele Angestellten weniger arbeiten, das ergibt die bereits zitierte Studie des Bundesarbeitsministeriums.

Allerdings sind das vor allem Vollzeitbeschäftigte. Ihnen gegenüber steht eine große Anzahl von Teilzeitkräften, die mehr arbeiten möchten. Eine eindeutige Lösung, die jeden Mitarbeiter zufriedenstellt, gibt es auch hier nicht. Die Studie legt jedoch den Schluss nahe, dass eine Umverteilung sinnvoller wäre als eine grundsätzliche Reduzierung.

Viele wollen mehr Urlaub statt kürzerer Arbeitszeiten

Der Teufel liegt auch hier im Detail. Wenn Arbeitnehmer mehr Freizeit fordern, meinen Sie nicht immer kürzere Arbeitszeiten. Eine aktuelle Befragung von 1.000 Arbeitnehmern in Deutschland durch Robert Half zeigte interessanterweise: Neben einem besseren Gehaltspaket wünschen sich 43 % der Befragten am meisten zusätzliche Urlaubstage. Flexible Arbeitszeiten sind nur für 26 % und Home Office nur für etwa jeden Zehnten (12 %) der attraktivste Anreiz.

Die eingangs genannten Beispiele aus der Praxis zeigen: Die Zeit, die allen Arbeitnehmern perfekt passt, gibt es auch hinsichtlich der Arbeitsstunden nicht. Den einen überzeugt Home-Office, wie Christian Meyer, der andere möchte lieber zusätzliche Urlaubstage, wie Torben Hoffmann.

Diese Erkenntnisse sind für Unternehmen sehr bedeutend, wenn sie Bewerber überzeugen und Mitarbeiter halten möchten – und das war selten wichtiger: Denn 89 % der von Robert Half befragten Personalverantwortlichen sieht es als große bis sehr große Herausforderung, neue Mitarbeiter zu finden. Fast drei Viertel sind besorgt, ihre besten Mitarbeiter an die Konkurrenz zu verlieren.

In solch einer schwierigen Situation wünschen sich viele Unternehmen eine Pauschallösung, die alle Mitarbeiter zufrieden stellt. Doch die gibt es leider nicht. Stattdessen ist es wichtig, Bewerbern genau zuzuhören, um herauszufinden, was ihnen wichtig ist. Davon profitieren letzten Endes beide Seiten: Das Unternehmen bekommt Mitarbeiter, die zu ihm passt, und die Angestellten fühlen sich wohl am Arbeitsplatz und bringen langfristig volle Leistung.

 

*Name von der Redaktion geändert

Bildquelle: © DDRockstar - Fotolia.com

 

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